Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede von erlösten und nicht-erlösten Menschen?

von Hanniel Strebel
0 Kommentar
Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede von erlösten und nicht-erlösten Menschen?

Wachsendes Interesse an grundsätzlichen Fragen

An einem Vortragsabend[1], bei dem die dogmatischen Grundlagen der Theologie zu Debatte stand, fragte mich ein Student im Anschluss: „Was hast du heute erzählt, was du nicht schon zu Gottfried Kellers[2] Zeiten hättest bringen können?“ Diese Frage ging mir nach. Es widerspiegelt den Anspruch unserer Zeit. Wir sind nicht darauf aus, das zeitlos Gültige zu suchen. Stattdessen interessieren wir uns ausschließlich am Neuen, an der Ausnahme, an dem Unterschiedlichen.[3]

Je älter ich werde, desto wichtiger werden mir die grundsätzlichen Fragen. Mein Interesse wächst für die Begründung der Phänomene, an denen wir im Alltag achtlos vorübergehen.[4] Einer solchen wende ich mich jetzt zu.

Jeden Tag begegne ich zahlreichen unerlösten Menschen

Seit 38 Jahren bin ich durch Gottes Gnade ein erlöster Mensch. Der dreieinige Gott überführte mich meiner Sünde und trieb mich in meinem Dachzimmer auf die Knie. Etwa zwei Jahre danach begann in mir der Wunsch zu wachsen, den mir geschenkten Glauben nach außen zu bezeugen. Als Jugendlicher erst tat ich den Schritt, in meiner Klasse offen diesen Glauben zu bekennen, was zu zahlreichen Diskussionen mit Lehrern und Mitschülern führte. Dieses Anliegen ist mir – Gott sei Dank – bis heute erhalten geblieben. Es interessiert mich ungemein zu erfahren: Wenn ich einem Menschen begegne, dessen Herz Gott noch nicht geöffnet hat (so die eindrückliche Bezeichnung, die Lukas in Apg 16,14 für eine wohlhabende Kleiderhändlerin brauchte), von welchen Gemeinsamkeiten kann ich ausgehen? Welche Unterschiede sollte ich ebenfalls im Blick behalten?

Gemeinsamkeiten: Die Struktur

Sei nicht erstaunt, wenn ich jetzt einige Kennzeichen erwähne, die auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheinen:

Wir leben in demselben Kosmos Alle Menschen werden geboren, entwickeln sich körperlich in einer ähnlichen Weise, gehen auf zwei Füßen, essen, trinken, leben etwa gleich lange etc. Eine grundsätzliche Skepsis, die dem alltäglichen Leben widerspricht: Unser Kopf rekonstruiert sich seine Außenwelt.

Wir leben in demselben Kosmos und unterliegen denselben physischen Bedingungen. Überspitzt ausgedrückt: Mein Gesprächspartner ist nicht 40 Meter groß (solche Riesen gibt es allerdings in Märchen). Er verfügt in aller Regel ebenfalls über zwei Arme. Wir kommunizieren alle mit unserem Mund. Und noch erstaunlicher: Wir verwenden zur Verständigung dieselben Lautzeichen. Diese Feststellung ist umso wichtiger, als seit 200 Jahren ausgehend von einer Denkerelite das Gedankengut in uns Fuß gefasst hat, dass jede Person sich seine eigene Eigenwelt konstruiert. Im extremen Fall gelangten einige gar zur Schlussfolgerung, dass es eine solche Außenwelt gar nicht geben könne (Fakten-Konstruktivismus); viel verbreiteter ist jedoch die Annahme, dass jeder Mensch seine eigenen Kategorien auf sein Umfeld projiziert. Er schaffe damit Wirklichkeit. Dem entgegne ich, dass es zwar zutreffen mag, dass wir die Welt, geprägt von Persönlichkeit und Biografie, unterschiedlich erleben. Die Grundgegebenheiten des Menschen sind jedoch – zumindest in unserem Alltag – unbestreitbar gleich. Das schafft einen ersten Bezugspunkt. Jeder Mensch, dem ich begegne, lebt im selben Kosmos. Er steckt, wie wir es schon umgangssprachlich ausdrücken, „in derselben Haut“. Er muss essen, einer Arbeit nachgehen, schlafen. Vor wenigen Wochen erklärte mir ein Arzt, der mir eben ausführlich erläutert hatte, warum er nicht religiös sei, vor dem Abschied ausführlich, dass er auf diesem Planeten überall über dieselben Themen wie Arbeit, Beziehungen, Gesundheit oder Politik spreche.

Entwickeln wird diesen Gedanken noch etwas weiter:

Wir leben unter denselben (Natur-) Gesetzen. Die Menschen können diesen Gesetzen nicht widersprechen. Ein anschauliches Beispiel (Volksmund): „Mit dem Kopf durch die Wand gehen.“ Ohne diese Gesetzmäßigkeiten könnten wir weder bauen noch fliegen.

So gerne der Westler betont, dass sich jeder Mensch seine eigenen Werte zurechtlege, so erpicht ist er darauf, dass im geschäftlichen Leben alles normiert zugehe. Stellen wir uns vor, der Architekt des Hauses verschätzt sich um Millimeter, wenn es um das Verlegen von Leitungen geht – unter Umständen führt dies zu teuren Rück- und Umbauten. Ebenso genau nimmt er es, wenn es um Zahlungen geht. Erhält er weniger Lohn oder muss er mehr zahlen, dann nimmt er es ganz genau. Oder bei einer Diagnose beim (Zahn-)Arzt will er es ebenfalls genau wissen. Er verlässt sich in all diesen Beispielen auf allgemein gültigen Naturgesetzen wie Maßen und Gewichten. Zudem braucht er um zu handeln ein allgemein normiertes Zahlungsmittel.

Wir begannen bei Merkmalen des menschlichen Körpers und der Kommunikation und fuhren mit den Naturgesetzen und menschlich normierten Austauschmitteln weiter. Jetzt wagen wir uns noch einen Schritt vor.

Wir leben unter demselben Moralgesetz Allen Menschen ist durch die Natur ein Teil des Schöpfers offenbart. Zudem haben sie ein inneres Empfinden für Gut und Böse, welche sie vor allem im Umgang mit anderen (sich entschuldigen, andere anklagen) äußert. „Ich werte nicht“ wird fortwährend widerlegt.

Nicht nur sind wir Bewohner desselben Kosmos und unterliegen denselben Naturgesetzen. Selbst bezüglich Werten[5]  greifen wir auf ein gemeinsames Vorverständnis zurück. Ich brauche hier absichtlich den Begriff „Moralgesetz“. Damit meine ich Gesetzmäßigkeit bezüglich einer allen Menschen gemeinsamen Moral. Spätestens hier sträuben sich die Nackenhaare eines säkularisierten Westlers, weil ich eine, wenn nicht gar DIE Setzung in Frage stelle. Über die Natur (hier definiert als die vom Menschen unterschiedene, von Gott ins Dasein gerufene Schöpfung) ist ihnen etwas von Gottes Eigenschaften offenbar. So sagt es Paulus in Röm 1,20. Doch dem nicht genug. Für zahlreiche Regelverstöße wie Lügen oder Ungehorsam gegenüber den Eltern greift der Einzelne nicht auf eine gesellschaftliche Konvention, sondern auf eine innere Instanz zurück (Röm 1,32; 2,14f). Abweichungen werden innerlich angezeigt. Paulus stellt es noch spezifischer dar: Die Verstöße werden dann besonders offensichtlich, wenn Menschen einander dafür bezichtigen und anklagen. Das Gegenüber versucht reflexartig den Vorwurf durch Selbstrechtfertigung zu entkräften. Auch dieses Spiel könnte man äußerlich gesehen als soziale Konditionierung abtun. Die teils unbewusste Orientierung an einem inneren Gesetz wird dann besonders deutlich, wenn sie uns selbst widerfährt. Wenn wir belogen und betrogen werden, dann begehren wir auf und reklamieren unser Recht.[6]

Ich fasse zusammen: Sowohl unsere menschliche Struktur (wir sind alles Menschen) als auch die Struktur unserer Umgebung (Natur) sind uns gemeinsam. Im Übrigen weist die Feinabstimmung im Kosmos, aber auch in der Passung zwischen Mensch und Umwelt (Temperatur, Ernährung) auf einen intelligenten Erschaffer hin. In meiner Begegnung mit nicht erlösten Menschen gehe ich noch von einer dritten Grundtatsache aus: Dessen Moral geht über persönliche Definition und soziale Konditionierung hinaus. Ich kann eine von Gott geschaffene innere Instanz voraussetzen. Jeder Mensch fällt Werturteile ohne Ende. Deshalb muss ich stets schmunzeln, wenn entschuldigend die Ergänzung (meistens von „Gutmenschen“) kommt: „Ich werte nicht.“

Unterschiede: Die Richtung

Ich verwende mit Absicht zwei Begriffe. Einerseits habe ich im ersten Teil der Gemeinsamkeiten von „Struktur“ gesprochen. Es geht da um die gemeinsamen, vom Schöpfer definierten Voraussetzungen des Menschseins. In diesem Teil geht es nicht um strukturelle Merkmale, sondern um unterschiedliche Richtungen.[7] Auch wenn mein nicht-erlöster Nächster im selben Kosmos lebt, den selben Naturgesetzen unterliegt und sogar über eine innere Instanz als Basis einer universalen Moral verfügt: Er läuft in seinem Bestreben in eine völlig andere Richtung.

Eine andere Zielrichtung / Grundstrebung  Ausrichtung an einem Ersatz Gottes, welcher sich in seiner Schöpfung vorfindet. Von außen lässt sich oftmals einschätzen, wer „auf dem Thron sitzt“: Das eigene Selbst, ein anderer Mensch (eine Gruppe) oder ein Tier; ein Gegenstand und schließlich Ideen über Menschen und Gegenstände

Um diese bedeutende Differenz zu illustrieren, brauche ich das Bild des Kompasses. Jedem Menschen ist ein innerer Kompass eingebaut. So wie sich der Kompass am Norden ausrichtet, so ist ein Mensch dazu geschaffen, sich auf seinen Schöpfer auszurichten. Es gibt keinen Menschen im beziehungs-freien Zustand zu Gott. Der nicht erlöste Mensch rebelliert gegen seinen Schöpfer. Weil er diese „Einnordung“ zwar innerlich spürt, gleichzeitig aber unterdrückt und verleugnet (so Paulus in Röm 1,18), muss er sich an einem Ersatz ausrichten. Wie ein durch ein Magnetfeld übersteuerter Kompass zeigt seine innere Nadel deshalb an einen falschen Ort.

Überlegen wir uns weiter: Wohin kann die Nadel anstelle von Gott zeigen? Es kann grundsätzlich nur eine Dimension des Geschaffenen sein. Der Schöpfer wird durch einen Teil der Schöpfung ersetzt. Wiederum trifft Paulus mit der Beschreibung des Tauschs zwischen Schöpfer und Geschöpf als Gegenstand der Verehrung in Röm 1,23 den Nagel auf den Kopf. Zunächst bietet sich das Selbst als „neuer Norden“ an. In unserer psychologisierten westlichen Welt des 21. Jahrhunderts ist er der beliebteste Ersatzgott. Manche Menschen haben jedoch erlebt, wie unsicher die eigene Person als Dreh- und Angelpunkt ist. Deshalb wenden sie sich lieber anderen Menschen zu und orientieren sich an ihnen. Das erklärt die enorme Anziehungskraft von Rollenvorbildern. Wenn Menschen von sich selbst oder anderen Menschen enttäuscht sind, wenden sie sich nicht selten einem Tier zu; ein Hund oder eine Katze wird vergöttert. Doch damit nicht genug: Auch Gegenstände – z. B. technische Geräte oder Autos – können zu Götzen mutieren. Und selbst Ideen, also rein gedankliche Konstruktionen, können diese Rolle einnehmen.

Verschobener Standard  Es gibt keinen Menschen ohne Standard (selbst nicht Anarchisten).  Im säkularen Westen mischt sich Autonomie (Eigengesetz) mit Konformismus (Anpassungsdruck).

Bei den Gemeinsamkeiten zwischen erlösten und nicht-erlösten Menschen habe ich davon gesprochen, dass alle Menschen über eine innere Instanz zur Unterscheidung von Gut und Böse verfügen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese störungsfrei als Richtschnur funktionieren würde. Durch gewohnheitsmäßige Entfremdung wird die Wahrheit entstellt. Diese wirkt sich doppelt, von innen und außen her, auf den Nicht-Erlösten aus. Menschen, die den eigenen Gedanken überlassen werden, können über die Zeit verhärtete Muster der Selbstrechtfertigung entwickeln. Sie entwickeln auf ihrem Lebensweg einen nichtigen Sinn, so Paulus,

deren Verstand verfinstert ist und die entfremdet sind dem Leben Gottes, wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens; die, nachdem sie alles Empfinden verloren haben, sich der Zügellosigkeit ergeben haben, um jede Art von Unreinheit zu verüben mit unersättlicher Gier.

Eph 4,17-19

Diese innere Abkopplung verstärkt sich durch Äußere Anpassung. Petrus beschreibt diesen Zustand so, dass sie sich

gehen ließen in Ausschweifungen, Begierden, Trunksucht, Belustigungen, Trinkgelagen und frevelhaftem Götzendienst. Das befremdet sie, dass ihr nicht mitlauft in denselben heillosen Schlamm…

1Pt 4,3-4
Ein nicht gereinigtes Herz Durch den Glauben werden die Herzen gereinigt (Apg 15,9). Nach außen tugendhafte Handlungen entstehen aus einer falschen Motivation.

Wir Menschen urteilen nach dem Äußeren (vgl. 1Sam 16,7). Nach außen sehen manche Handlungen statthaft und uneigennützig aus. Nicht-erlöste Menschen können bessere Beziehungen führen und Kinder erziehen, großzügiger spenden und fachlich bedeutendere Leistungen erzielen. Die eigentliche Frage bezieht sich jedoch auf die nicht sichtbare Motivation. Wir sahen vorher, dass sich der Nicht-Erlöste an einem Gottesersatz orientieren muss. Menschenfurcht oder Stolz können zu herausragenden Resultaten anstacheln. Blicken wir aus anderer Perspektive nochmals auf die drei Unterschiede:

  1. Es gibt bei nicht erlösten Menschen favorisierte Götzen (leider auch bei Christen; doch diese werden von Gott gezüchtigt, Heb 12,5-11): Nach Enttäuschungen werden diese Götter ausgewechselt. Zudem kann es für unterschiedliche Lebensbereiche unterschiedliche Götter geben.
  2. In einer Gesellschaft gibt es bevorzugte Standards: Medien, Ratgeber und Werbung zielen auf den König „Ich“ und die oberste Bewertungsinstanz eines guten Gefühls. Dies verbindet sich mit einer starken Normierung über die sozialen Medien (Gleichschaltung durch die medialen Botschaften inkl. Gefühlen).
  3. Die Motive bleiben oft im Dunkeln: Es geht um Perfektionismus (Erwartungen an sich selbst), Menschenfurcht (Erwartungen von anderen) und Stolz (Erwartungen an andere).

Einst waren auch wir…

Ich komme zurück zur Eingangsfrage: Was habe ich in meinen Begegnungen mit nicht-erlösten Menschen zu gewärtigen? Zunächst bin ich mir bewusst, dass auch ich ein „Umherirrender“ war (vgl. Dtn 26,5; Ps 119,67). Es ist reine Gnade, dass Er mich erlöste. Andererseits ist mir vor Augen, dass der andere wie ich im selben Kosmos unter denselben Naturgesetzen lebt. Zudem gibt ihm sein Gewissen Gut und Böse an. Ich kann mit offenen Augen auf bevorzugte Götzen zu achten beginnen. Ebenso frage ich nach Informationsquellen und wichtigen Referenzpersonen. Und ich bin mir bewusst, dass der Allmächtige jederzeit das Herz des anderen verändern kann – wie auch meines!


[1] Hanniel Strebel. Wie sollen wir als Christen im 21. Jahrhundert leben? Eine Antwort der Systematischen Theologie. https://www.evangelium21.net/downloads/pdf/H.Strebel_Wie_Leben.pdf.

[2] Gottfried Keller war Zürcher Dichter, Schriftsteller und Politiker (1819-1890). In Zürich wurde 2019 sein 200. Jubiläum gefeiert. Gesammelte Werke Gottfried Kellers: Romane, Erzählungen und Novellen (Kindle-Ausgabe). https://amzn.to/35zroMX

[3] In der Philosophie spricht man von Universalien und Einzeldingen. Beide Perspektiven sind wichtig und ergänzen einander. Sie widerspiegeln das Prinzip Einheit und Vielfalt, das wiederum auf den Drei-einen Gott verweist, der alles ins Dasein gerufen hat. Siehe besonders Robert Letham. The Holy Trinity: In Scripture, History, Theology, and Worship. P & R, 2016. https://amzn.to/31Fv5zz

[4] G. K. Chesterton (1874-1936) war es, der mir die Augen hierzu öffnete. Zum Einstieg siehe Gisbert Kranz, Gilbert Keith Chesterton. Prophet mit spitzer Feder. St. Ulrich, 2005. https://amzn.to/2Ht2HJT

[5] Ich verwende mit Absicht diesen unklaren Begriff. Siehe mein Beitrag «Der unklare Begriff der Werte», https://hanniel.ch/2017/10/14/zitat-der-woche-der-unklare-begriff-der-werte/

[6] Ausführlicher legt es C. S. Lewis im ersten Teil seines Klassikers «Mere Christianity» (dt. mit dem unglücklichen Titel «Pardon, ich bin Christ») dar. Ich lese diesen Buchteil jedes Jahr aufs Neue. https://amzn.to/3kFrbhy

[7] Diesen Gedanken verdanke ich Albert M. Wolters. Creation Regained: Biblical Basics for a Reformational Worldview. Eerdmans: Michigan 2005 (2. Auflage). Meine ausführliche Buchbesprechung: https://hanniel.ch/2013/11/26/buchbesprechung-die-lehre-der-schopfung-ins-zentrum-rucken/

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies. Wenn Du die Seite weiter benutzt, gehen wir von Deinem Einverständnis aus. OK