Geistliche Leiterschaft (2) – Kennzeichen eines gottesfürchtigen Hirten

von Ludwig Rühle
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Geistliche Leiterschaft (2) – Kennzeichen eines gottesfürchtigen Hirten

Am 08.10.2016 hielt Pastor Ludwig Rühle (BEG Osnabrück) einen Festvortrag zur Eröffnung des neuen Studienjahres der Akademie für reformierten Theologie in Gießen. Seine Gedanken haben mich (Declan) so bewegt, dass ich sie in gekürzter Form mit Josia teilen will. Ludwig hielt den Vortag auch als Predigt in seiner Gemeinde. Die Aufnahme findest du hier.

Was kennzeichnet einen Gemeindeleiter, der Gott fürchtet?

Die Bibel zeigt uns zwei besonders gottesfürchtige Leiter, Esra und Nehemia. Gott gebrauchte diese beiden Männer, um sein Volk nach der babylonischen Gefangenschaft äußerlich und innerlich zu erneuern. Esra dokumentierte den Wiederaufbau des Tempels, setzte das Gesetz Gottes erneut ein und stärkte den Priesterdienst. Unter Nehemia wurde die niedergerissene Stadtmauer aufgebaut und Jerusalem erneut bevölkert. Beide Männer führten dabei Gottes Volk zu seinem Wort zurück. Ihre Situation ähnelt der unsrigen: Reformation war bitter nötig. Einerseits musste die Stadt äußerlich wiederaufgebaut werden, andererseits musste das Volk Gottes innerlich erneuert werden. Dabei waren die Versuchungen für das Volk, Kompromisse mit der Welt einzugehen und sich anzupassen, sehr groß.

Was war das erste, das Esra und Nehemia in dieser Situation taten? Sie beteten.

Ein gottesfürchtiger Hirte betet

Esra wusste schon zu Beginn seiner Mission, dass er voll und ganz von Gott abhängig war: „Und ich ließ (…) ein Fasten ausrufen, dass wir uns demütigten vor unserem Gott, um von ihm einen geebneten Weg für uns (…) zu erflehen.“ (Esr 8,21) Auch Nehemia war vor allem ein Mann des Gebets. Er wusste um seine Abhängigkeit von Gott. Bevor er sein Mauerbauprojekt beginnt, betet und fastet er vier Monate lang (Neh 1,1-4).

Mit welchem Gebet beginnen wir unseren Tag, unsere Arbeit, unsere Unternehmungen? Sind wir uns bewusst, wie absolut nötig wir das haben? Gemeinden sind von Gottes Gnade abhängig, darum brauchen sie Hirten, die beten!

Ein gottesfürchtiger Hirte bereitet sich vor

Über Esra lesen wir: „Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des HERRN zu erforschen und zu tun, und in Israel Gesetz und Recht zu lehren.“ (Esr 7,10). Später lesen wir dann, wie er durch seine Verkündigung das ganze Volk zur Buße und Bundeserneuerung führte. Er konnte das Volk so lehren, weil er von ganzem Herzen das Wort studiert hatte. Auch Nehemia hat sich intensiv auf seine Aufgabe vorbereitet, besonders durch Planung. Das wird deutlich, als er auf die Frage des Königs, wie lange der Aufbau der Stadtmauer dauere, mit Zahlen und Fakten antworten konnte (Neh 2,6). Vor seinem ersten großen Mitarbeitertreffen besichtigt er die Baustelle (Neh 2,11-18). Nehemia war seinem Volk, den Arbeitern, aber vor allen den Feinden des Volkes immer einen Schritt voraus.

Ein gottesfürchtiger Hirte handelt

Bis zur Fertigstellung der Mauer ist Nehemia die treibende Kraft hinter allen Beteiligten, hinter jedem Bauabschnitt. Er motiviert das Volk, er organisiert die Arbeit, er wehrt die Feinde ab.

Ein gottesfürchtiger Hirte widersteht den Feinden

Die Opposition, die Nehemia beim Aufbau der Stadtmauer erfuhr, ist sehr gut mit der zu vergleichen, die die Gemeinde erfährt: Spott und Hohn, Einschüchterung, Intrige, Verleumdung, Rufmord. Sanballat streute mit einem offenen Brief den Verdacht, dass Nehemia einen Aufstand gegen den König plane (Neh 6,5-7). Lerne von Nehemia mit Anfechtung umzugehen. Seine Reaktion: Gebet, Wachsamkeit (Neh 4,9), und Weiterarbeiten. (Neh 3,38).

Wir dürfen nie die „normale“ Aufbauarbeit der Gemeinde vergessen. Wir müssen auch in Anfechtungen weiterarbeiten.

Ein gottesfürchtiger Hirte gibt ein glaubwürdiges Zeugnis

Nehemia ging mit gutem Beispiel voran. Bei der Arbeit, bei der Verteidigung (Neh 4,1), bei der Hilfe für die Bedürftigen (Neh 5), aber vor allem beim Gebet und Schuldbekenntnis: „Auch ich und das Haus meines Vaters haben gesündigt!“ (Neh 1,6). Dieses demütige Vorbild sehen wir auch bei Esra. Als er nach Jerusalem kam, wurde er sofort mit dem Problem der Mischehen konfrontiert. Er zerreißt sich nicht das Maul über diese Sünder, sondern seine eigenen Klamotten. Ein Ausdruck von tiefer Trauer und Demütigung. Er selbst geht auf die Knie vor Gott und bittet um Gnade.

Esra und Nehemia hatten Autorität nicht bloß Kraft ihres Amtes, sondern weil sie glaubwürdig waren.

Ein gottesfürchtiger Hirte lehrt die Gemeinde Gottes Wort

Esra ist nach Jerusalem gekommen, um in Israel Gesetz und Recht zu lehren. In Nehemia 8,2-10 lesen wir: „Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, vor die Männer und Frauen und alle, die Verständnis hatten, um zuzuhören, am ersten Tag des siebten Monats. Und er las daraus vor auf dem Platz, der vor dem Wassertor ist, vom hellen Morgen bis zum Mittag. (…) Und Nehemia – das ist der Statthalter – und Esra, der Priester, der Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk lehrten, sprachen zu dem ganzen Volk: Dieser Tag ist dem HERRN, eurem Gott, heilig! Darum seid nicht traurig und weint nicht! Denn das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte.“ Nehemia unterbricht die fortlaufende Erzählung: Er hat berichtet, wie die Mauer fertig gebaut wurde. Als nächstes müsste er von der Einweihung der Mauer erzählen. Aber er fügt einen Bericht über das Lehren von Gottes Wort ein. Die Botschaft ist deutlich: Wahre Erneuerung braucht mehr als Baumaßnahmen! Tempel und Mauer sind wichtig – aber nur durch das Predigen und Verstehen des Wortes Gottes wird eine feste, beständige Beziehung zu Gott bewirkt. Durch die Verkündigung erkannten die Menschen ihre Not und gleichzeitig die Liebe und Treue Gottes. Durch die Verkündigung liefen die Tränen der Buße. Durch die Verkündigung kam tiefe Freude an Gott.

Gemeinden brauchen Hirten, die sie in eine tiefere Gemeinschaft mit Gott führen. Und darum brauchen sie Hirten, die das Wort Gottes lehren können, so dass sie es verstehen.

Ein gottesfürchtiger Hirte resigniert nicht

Nach seiner Reform verließ Nehemia Jerusalem für einige Jahre. Als er wiederkehrte war er entsetzt. Das Volk war wieder vom Wort Gottes abgefallen. Es gab sogar Mischehen bis in die höchsten Kreise. Wie reagierte Nehemia? Er resignierte nicht. Er setzte neue Reformen um. Nehemia wusste: Die Gemeinde muss ständig reformiert werden: ecclesia semper reformanda. Wir müssen fortwährend darum kämpfen, dass Christus das Zentrum der Gemeinde wird. Ein gottesfürchtiger Hirte darf nie aufhören, seine Gemeinde zurück zum Wort Gottes zu rufen. Er darf nie aufgeben, selbst, wenn Fortschritte kaum bemerkbar sind oder wenn er Rückfälle und Enttäuschungen erlebt.

Im Dienst des guten Hirten

Arbeit mit Menschen ist mühsam. Denn der Mensch ist von Herzen gegen Gott und sein Wort. Ein anderer Hirte, Johannes der Täufer, sagte mal: „Ich bin nicht der Messias.“ (Joh 1,20). Das ist ein gutes Motto für Hirten in der Gemeinde. Du musst keine Herzen verändern. Nur der Herr Jesus kann Herzen verändern, weil er sie von Sünden reinigt. Und er kann sie von Sünden reinigen, weil er die Strafe für die Sünden am Kreuz selber getragen hat. Jesus sagte: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Joh 10,11).

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