Zum 150. Geburtstag von Eva von Tiele-Winckler: Buchrezension „Geisteswirken im täglichen Leben“

von Simon Mayer
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Zum 150. Geburtstag von Eva von Tiele-Winckler: Buchrezension „Geisteswirken im täglichen Leben“

Zugegeben: Ich lese sehr selten theologische Literatur, die von Frauen verfasst wurde. Auch studiere ich nach wie vor zu wenig alte Klassiker und aus dem pietistischen Bereich hatte ich, sofern ich mich entsinnen kann, bisher noch gar nichts gelesen. Bei Büchern über den Heiligen Geist bin ich außerdem grundsätzlich ein bisschen skeptisch – oftmals sind sie mir zu subjektiv gefärbt.

Vielleicht sollte ich umdenken. Das kleine Büchlein „Geisteswirken im täglichen Leben“ hatte ich im Sommer vom Verlagsleiter geschenkt bekommen – es sei eines seiner besten Bücher. Und ich muss gestehen: Die solide, biblische Nahrung, die ich auf den knapp 80 Seiten vorfand, hat mich tatsächlich positiv überrascht.

Natürlich: Ich bin nicht mit allem einverstanden, dazu bin ich einfach zu kritisch veranlagt. Auch würde ich persönlich die Sache wohl anders angehen (die einzelnen Kapitel sind eher Andachten denn Auslegungen).

Dennoch: Es ist faszinierend, wie Eva von Tiele-Winckler es vermag, auf so wenigen Seiten so viel komprimierten Inhalt zu vermitteln und so schlicht und dennoch ergreifend zu schreiben. Das Buch zeugt von ihren klaren Einsichten in die Schrift und dem Verlangen, auch im Leben anderer Veränderung durch Gottes Wort zu bewirken.

Sie beginnt mit der Notwendigkeit der Neugeburt, die durch den Geist geschieht und gleichzeitig unsere Versiegelung mit ihm darstellt. Anschließend geht sie über zum Wandel im Geist und betont, dass die entscheidende Frage hierin ist, ob wir unseren Willen auf die Seite des Geistes Gottes stellen und so im ganz normalen Alltag die eigene Ich-Natur hinten anstellen. Daraufhin betont sie, dass uns das Wirken des Geistes auch mit allen anderen Christen vereint – gemeinsam sollten wir als ein Leib in Liebe durch den Geist wachsen.

Im nächsten Kapitel bespricht sie die Thematik der „Fülle des Geistes“ und wie unser Dämpfen und Betrüben des Heiligen Geistes dieselbe verhindert. Sodann zeigt sie auf, wie sich die Fülle des Geistes in der „Kraft des Geistes“ äußert und diese nicht abhängig ist von menschlichen Fähigkeiten. Auf knapp drei Seiten spricht sie das Thema der „Gaben des Geistes“ an und macht deutlich, dass nicht allen dasselbe gegeben wird, jede Gabe jedoch zum gemeinsamen Nutzen und zur Verherrlichung des Herrn genutzt werden sollte.

Bis hierhin war ich beeindruckt von den kurz und knapp auf den Punkt gebrachten biblischen Wahrheiten. Mit dem Kapitel „Die Salbung des Geistes“  war ich jedoch nicht einverstanden. Von Tiele-Winckler vertritt hier die Auffassung (begründet sie aber kaum durch die Heilige Schrift), dass die Geistessalbung das „stille, innere Licht“ ist, das uns „in den Linien der Wahrheit erhält“. Diese Salbung könne jedoch in unserem Leben zunehmen und schwinden, je nachdem ob wir z.B. im Gebet verharren oder nicht. Meines Erachtens ist die „Salbung“ des Geistes jedoch nur ein Synonym für „Besitz“ des Heiligen Geistes.

Besser gefallen hat mir wiederum das nächste Kapitel. Es handelt von der „Freiheit des Geistes“ und Mutter Eva betont darin, dass wir unter der Gnade, im Machtbereich des Heiligen Geistes die Möglichkeit haben, ein geheiligtes Leben zu führen und nicht mehr unter dem Zwang der Sündenherrschaft stehen.

Der nächste Abschnitt behandelt ein enorm wichtiges Thema: Die „Verklärung des Geistes“ – sein Wirken in uns, durch welches wir Stück für Stück ausgehend von unserem Innersten bis hin zu den äußeren Gliedern verwandelt werden. Leider war ich auch hier nicht ganz überzeugt von jeder Aussage. Die Betonung lag mir beispielsweise zu sehr auf dem passiven „sich-selbst-Zurücknehmen-und-dem-Geist-Raum-geben“. Heiligung ist im Neuen Testament auch etwas, dem wir aktiv nachjagen sollen! Noch schlimmer fand ich jedoch die Ansicht, dass es fleischlich gesinnte Christen gäbe, die zwar durchs Feuer hindurch gerettet werden, aber aufgrund der Tatsache, dass sie sich nicht genug der Verklärungsarbeit des Geistes anvertraut hätten, am Tag des Herrn nicht zur Verwandlung und Herrlichkeit gelangen könnten. Sie müssten zuerst noch durch schwere und harte Proben hindurchgehen. Hier scheint mir von Tiele-Winckler einfach zu sehr ein Kind ihrer Zeit gewesen zu sein (was wiederum uns eine Warnung sein sollte – da wir alle irgendwie Kinder unserer Zeit sind).

Das letzte Kapitel schließlich handelt von der „Frucht des Geistes“. Hierin erklärt die Autorin, wie sich die Echtheit der Geisteswirkungen notwendigerweise durch das Hervortreten verschiedener Früchte zeigen wird. Sie spricht lange über die Liebe, die die Erfüllung des Gesetzes Christi ist, geht sodann über zur christlichen Freude und stellt sie deutlich in Kontrast zur Weltfreude. Sie beschreibt als nächstes den Frieden Gottes, der uns von Golgatha her zufließt und unseren Umgang mit den Mitmenschen im Alltag kennzeichnen sollte, erläutert die Geduld, in der wir einander tragen und vergeben sollten und betrachtet schließlich die Freundlichkeit, die unser Herz erfüllen und durch ein sonniges Lächeln auch äußerlich erkennbar sein sollte. Als nächstes folgt die Gütigkeit, die darauf sinnt, beständig anderen Menschen Gutes zu tun, ergänzt durch den Glauben und die Treue, welche uns ausharren, vertrauen und schweigend erdulden lassen. Eva von Tiele-Winckler schließt wie auch Epheser 5,22 ab mit der Sanftmut, welche Ungerechtigkeiten schweigend erduldet und der Keuschheit, welche die reine Brautliebe zu Christus bewahrt.

Die Autorin – weithin bekannt unter dem Namen „Mutter Eva“ – lebte von 1866 bis 1930, heute wäre ihr 150. Geburtstag. Sie stammte aus reichem Elternhaus, entschied sich jedoch früh, ihr Leben zum Wohle der Armen und Kranken aufzuopfern. Sie gründete als Diakonisse eine eigene Schwesternschaft, welche im Laufe der Jahre eine Anzahl von 800 Mitgliedern erreichte. Ihr Friedenshort wuchs auf 28 Häuser an und existiert auch heute noch.

Nicht zuletzt aufgrund dieses gewaltigen Lebensbeispiels empfehle ich die Lektüre. Mutter Eva war ein Vorbild in Wort und Tat. Sie lebte, was sie glaubte und schrieb. Darin sollten wir ihr nacheifern.

Geisteswirken im täglichen Leben, Eva von Tiele-Winckler, verlag linea 2007, 80 Seiten, 9 Euro.

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Henning Siebel 1. November 2016 - 11:33

Guten Tag und danke für die Geburtstagsrezension zu Mutter Eva. Infos zu ihr und was aus ihrem Lebenswerk geworden ist, findet man unter http://www.friedenshort.de.

Herzliche Grüße
Henning Sieben
Stiftung Diakonissenhaus Friedenshort
– Pressesprecher –

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