Berufung und Leidenschaft im Leben von William Carey

von Johan Hong
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Berufung und Leidenschaft im Leben von William Carey

Wir leben inmitten einer Zeit und Gesellschaft, die charakterisiert ist durch Oberflächlichkeit, Spaß und Entertainment. Sie ist geprägt von der Gleichgültigkeit gegenüber Gott und der Ewigkeit. Gottesfurcht wird belächelt und Heiligkeit wird als Verklemmtheit abgestempelt. „Geiz ist geil“, „Hab deinen Spaß!“, „YOLO“, „Du musst dich selbst lieben und an dich denken“: so lauten die Maximen unserer westlichen Konsumgesellschaft. Inmitten dieser geistlichen Dunkelheit gibt es weniges, was ich mir mehr wünsche als eine Anzahl von jungen Menschen, die ihr Leben nicht der Bedeutungslosigkeit und dem Egoismus verschrieben haben, sondern den heiligen Entschluss gefasst haben, ihr Leben zur Ehre Gottes zu leben. Was unsere junge und gottlose Generation braucht, sind junge Menschen, die den lebendigen Gott kennen.

Ein Beispiel für ein solches Leben gibt uns William Carey (1761-1834). Sein Leben und Vorbild sind ein Nachruf an die jungen Christen unserer Generation, ihr Leben nicht zu verschwenden, sondern es ganz und gar für Gott auszugießen. Und mehr als das sehen wir anhand seines Lebens ein Beispiel dafür, wie jemand seine Berufung gefunden hat.

Dienst in Indien (1793-1834)

Carey hatte jahrelang den Traum, als Missionar nach Tahiti zu gehen. Doch als John Thomas, ein Missionar in Bengalen (im heutigen Indien) die neu gegründete Missionsgesellschaft ernstlich um einen Helfer in der Mission bat und von der dortigen geistlichen Not berichtete, konnte Carey sich kaum beherrschen. Und so meldete er sich zu dieser Aufgabe. Von diesem Tag an sah Carey sich für die Arbeit in Indien berufen. Nun begannen die Vorbereitungen für den Dienst, den er für 40 Jahre lang in Indien tun sollte, bis er starb.

Sein Dienst in Indien umfasste viele Aufgabenbereiche. Nach seinem Sprachstudium sah er es als seine wichtigste Aufgabe an, die Bibel in die verschiedenen indischen Sprachen und Dialekte zu übersetzen. Als mit der Zeit immer mehr Mitarbeiter dazu stießen, begannen sie, die verschiedenen Bibelübersetzungen zu drucken und zu verbreiten. Im Frühling 1797 konnte Carey die bengalische Übersetzung des neuen Testaments fertig stellen und schrieb: „Es gibt in jedem Land nur zwei Hindernisse, die dem Werk Gottes im Weg stehen: die Sündhaftigkeit des menschlichen Herzens und das Fehlen der Heiligen Schrift. Das zweite Hindernis hat Gott begonnen wegzuräumen; denn jetzt ist das Neue Testament ins Bengalische übersetzt. Es wird wertvoller sein als Edelsteine.“ [1] Daneben hatte er Predigtdienste, hielt regelmäßige Lehrstunden für die neu bekehrten Christen, und zuletzt war er auch für 30 Jahre an der Akademie der Ostindien-Gesellschaft Professor für Bengali.

Während seines gesamten Dienstes ist unübersehbar, wie vielen Herausforderungen und Entmutigungen er sich gegenübersah: gesellschaftliches Kastendenken, rituelle Witwenverbrennung, langjährige Fruchtlosigkeit trotz harter Arbeit (erst nach 7 Jahren taufte er seinen ersten Bekehrten) sowie Verfolgung der Bekehrten durch ihre Angehörige. Eine der schwierigsten Phasen mussten die Missionare durchleben, als ein großes Feuer 1812 ihre Druckerei nahezu komplett vernichtete und mit ihr nicht nur viele der wertvollen Metalltypen für die Druckerpresse, sondern auch Übersetzungen, Grammatiken und Wörterbücher. Und als wäre das nicht genug, gab es überdies noch schwere Konflikte mit dem Heimtatbüro in England, die den alten Missionar in seinen späteren Jahren besonders viel Kraft kosteten. Am Ende seines Lebens konnte er auf viele Dinge zurückblicken, die Gott durch seine Arbeit gewirkt hatte:[2]

  • Schnelles Wachstum der missionarischen Anstrengungen: Allein im Vereinigten Königreich entstanden in 40 Jahren nach Careys Ausreise insgesamt 13 Missionsgesellschaften. Scharen von Missionaren wurden in die entlegensten Orte der Erde gesandt.
  • In 30 Jahren wurden 212 000 Bibeln, Neue Testamente und Evangelien in 40 verschiedenen Sprachen gedruckt
  • Im Hauptquartier in Serampore wurden während 19 Jahren über 600 Menschen getauft

Was können wir aus William Careys Leben lernen? Insbesondere sind es 2 Aspekte, die für mich herausgestochen haben:

Leidenschaft – Mit aller Kraft

Carey war tief berührt von der geistlichen Not in der heidnischen Welt. Aus dieser Not entsprang nicht nur seine Berufung zum Missionar, sondern auch eine Charaktereigenschaft, die seine Arbeit prägte: Leidenschaft. Angesichts der geistlichen Not sagte er: „All diese Dinge sind ein lauter Ruf an alle Christen, sich bis zum Äußersten zu verausgaben.“[3] Seine Leidenschaft zeigte sich so z.B. in seiner Lebensweise: Obwohl er als Professor für Bengali ein gutes Gehalt verdiente, gab er alle Einnahmen an die Missionskasse. Seine Devise war: „Ich werde so lange arm sein, bis die Bibel auf Bengali und Hindi publiziert ist.“[4] Mehr als das mühte er sich mit seiner ganzen Seele ab, um Menschen für Christus zu gewinnen. Er schrieb einmal an seinen Sohn: „Die Bekehrung einer einzigen Seele ist die Anstrengung eines ganzen Lebens wert. Uns ist dieses Vorrecht zuteil geworden, unter den Nationen die unaussprechlichen Reichtümer Christi zu verkündigen. Harre aus, sei beständig in Deiner Arbeit, und überlasse alle Ergebnisse Gott.“[5]

Carey lebte zu einer Zeit, in der der Hyper-Calvinismus herrschte. Das heißt, Gottes Souveränität wurde so stark betont, dass menschliche Verantwortung ihren Stellenwert verlor. Man müsse keine Weltevangelisation betreiben, denn Gott würde zu seiner Zeit seine Erwählten zu sich ziehen. Carey hingegen war damit nicht einverstanden. Er war gewillt, mit seiner ganzen Kraft und Hingabe zu arbeiten, um Seelen zu retten.

Manchmal denke ich, dass ich zufrieden sein könne über ein paar Gespräche über das Evangelium, um zu bewirken, dass Menschen zum Glauben kommen – nach dem Motto: Es liegt ja sowieso nicht in meiner Hand, ob Menschen sich bekehren. Gott entscheidet, ob der Mensch zum Glauben kommt. Ich gebe mich dabei damit zufrieden, nicht mehr zu tun, als es meiner persönlichen Bequemlichkeit zumutbar ist. Wirklich alles zu geben, ja, mich ganz wegzugeben, das geht dann schon zu weit! Ist es wirklich nötig, sich mit ganzer Kraft in die Rettung von Seelen zu investieren, wenn Gott doch sowieso das entscheidende Werk tut? Was sagt die Bibel an dieser Stelle? Der Apostel Paulus spricht hier eine eindeutige Sprache:

„Den (Christus) verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt.“ (Kolosser 1,28-29)

Darum dulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus mit ewiger Herrlichkeit.“ (2.Timotheus 2,10)

Es ist eigentlich ganz einfach: Gottes Souveränität und die menschliche Verantwortung spielen sich nicht gegeneinander aus. Paulus arbeitete mit ganzer Kraft und Hingabe. Man mag sich als reformierter Calvinist vielleicht der richtigen Lehre rühmen, aber kann es sein, dass unsere Rechtgläubigkeit doch oft zu sehr von einem praktischen Hyper-Calvinismus beseelt ist? Ich denke schon. Möge Gott uns immer wieder aufwecken, mit Leidenschaft an seinem Reich zu arbeiten!

Berufung – Auf das Herz kommt es an

Wenn ich Biografien von großen Männern Gottes lese, bemerke ich in der Regel 2 Reaktionen in mir: Einerseits bewundere ich ihr Leben und ihr Wirken. Andererseits wünsche ich mir, auch ein solch bewundernswertes Leben zu führen, von dem viele Menschen auch noch Jahre später in voller ehrfurchtsvoller Anerkennung sprechen.

Der Grund ist einfach: Ich möchte eines Tages auf ein Leben mit Sinn, Wert und Bedeutung zurückblicken können. Deswegen treibt uns die Frage nach unserer Berufung und nach unserer Vision um. Und deswegen sprechen uns Sätze an wie: „If you never chase your dream, you will never catch it.“[6] Solche Zitate animieren uns dazu, unsere Ärmel hochzukrempeln, um so richtig was zu reißen. Sie motivieren uns dazu, unseren Traum auszuleben und ihn Realität werden zu lassen, indem wir uns an unserem eigenen Schopfe packen, um Großes erreichen.

Doch beim Lesen von Careys Biografie ist mir deutlich geworden, dass Carey nicht zuallererst über seine Berufung (oder seinen Traum) gegrübelt hat. Er hatte keinen großen Traum; und wenn er ihn mit Tahiti hatte, so wurde er doch bald von dem Plan nach Indien zu gehen, zunichte gemacht. Nein, was er hatte, war kein großer Traum oder eine große Vision, sondern der Glaube an einen großen Gott und die Sehnsucht danach, seinen Willen zu tun, koste es, was es wolle. Es ging ihm nicht um Selbstverwirklichung oder gar um Ruhm für sich selbst, sondern um die Ehre Gottes und um die Errettung von echten und ewigen Seelen. Und so lebte er intuitiv die Beschreibung dessen aus, die Jesus über seine Jünger gab:

„Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?“ (Lukas 9,23-25)

Die letzten Jahre über hat mich die Frage nach meiner Berufung immer wieder beschäftigt. Dabei sehnte ich mich nach einem konkreten Ruf Gottes zu einer konkreten Sache. Ein konkretes Land, mit einer konkreten Arbeit, und alle Infos am besten schon gestern. Aber bei Carey war das nicht so. Bei ihm kam es nicht darauf an, dass er genau wusste, in welche bestimmte Aufgabe Gott ihn stellen würde, sondern zuallererst fand sich in seinem Herzen die uneingeschränkte Bereitschaft, sein Leben auf dem Altar Gottes niederzulegen. Es war sein Herz, in dem Gottes Liebe brannte. Es war sein Herz, das für Verlorene blutete. Und es war sein Herz, das bereit war, zu Gottes Ehre zu gehen. Deswegen der Appell an uns alle: Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.“ (Sprüche 4,23) Wie sieht es in deinem Herzen aus? Berührt und trifft dich geistliche Not?

Passend dazu sagte Kevin Deyoung in seinem Vortrag über das Leben von Johannes Calvin folgendes (eigene Übersetzung):

Hier ist eines der großen Paradoxe des Lebens: Wir alle wollen Bedeutung. Wir mögen das nicht sagen, weil wir wissen, dass es uns um die Ehre Gottes gehen soll. Aber dennoch wollen wir Bedeutung und Bestätigung. Wir alle wollen ein Vermächtnis hinterlassen. Manche wollen es durch ihre Arbeit erreichen, oder sie wollen ein großer Gelehrter sein, ein großer Athlet, oder sie wollen es durch eine großartige Familie erreichen. Aber tief in uns haben wir alle diesen Gott-gegebenen Sinn, dass wir bei all unserem Toben und bei all unserem Gebaren nichts als Gras sind. (…) Und obwohl wir wissen, dass alles vergeht, wollen wir uns dennoch verzweifelt an etwas Ewigem festhalten. Das ist das Paradox der Beständigkeit. Der einzige Weg, durch den unser Leben etwas gewinnt, was beständig ist, besteht darin, zuzugeben und zu bekennen, dass wir selbst nicht von Bestand sind. Und genau das werden wir nicht in der Selbsthilfeabteilung finden, die uns sagt, dass wir gut genug sind, dass wir schlau genug sind. ´Just do it. If you dream it you can do it.´ Aber Gottes Wort sagt: ´Du willst etwas von Bedeutung, von Bestand? Du musst von dir selbst loslassen (…) und Gott ergreifen, sein Wort bleibt.´ Ein Gelehrter sagte einmal: ´Wenn jemand darauf besteht, dass er von Bestand sein wird, so wird er zu nichts, aber wenn er einsieht, dass allein Gott von Bestand ist, bläst Gott seine Beständigkeit in ihn hinein.´ Wenn du also ein Vermächtnis hinterlassen willst, wenn du über das hinausgehen willst, was deine ärmliche Existenz ausmacht, musst du jemand sein, der von sich selbst und seinen Erfolgen loslässt und Gottes Wort festhält. Die Menschen mit echter Bedeutung in dieser Welt sind die Menschen, die wissen, dass Gott alles ist, sie selbst aber nichts.“[7]


[1] Carey S. Pearce, William Carey, S. 120

[2] Carey S. Pearce, William Carey, nach S. 9

[3] Carey S. Pearce, William Carey, S. 58

[4] Carey S. Pearce, William Carey, S. 159

[5] Carey S. Pearce, William Carey, S. 183

[6] http://www.quotes-clothing.com/never-chase-dreams-never-catch-them/

[7] K. Deyoung, „The Life of John Calvin“ (25/01/2006): http://www.sermonaudio.com/sermoninfo.asp?SID=1260620124

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2 Kommentare

HGK 25. Mai 2016 - 20:30

Wow, danke für den wertvollen Beitrag. Ich bete von ganzem Herzen, dass Gott Menschen wie Carey auch noch heute, hier unter den jungen Leuten in Deutschland, zu einem Leben in echter Nachfolge beruft.

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Reformierter Spiegel #35 | 12. Juni 2016 - 11:42

[…] BERUFUNG UND LEIDENSCHAFT IM LEBEN VON WILLIAM CAREY […]

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