„Christian Revolution“? – Christ und Staat

von David Kleemann
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Die Frage danach, wie sich ein Christ gegenüber staatlicher Obrigkeit verhalten soll, ist zeitlos. Sie hat Christen zu allen Zeiten beschäftigt und ihnen Kopfzerbrechen bereitet – natürlich besonders dann, wenn der Staat unerträgliche Zustände geschaffen hat, wie das in Diktaturen der Fall ist. Sollen wir Christen uns dagegen wehren? In welchen Fällen ist so etwas angebracht und wie könnte das aussehen? Wenn wir uns diese Frage stellen, kommen wir nicht um Römer 13,1-7 herum: Das ist der Text zu diesem Thema und ein Schlüssel für alle weitergehenden Überlegungen. Deshalb möchte ich hier eine Auslegung vorstellen, die vielleicht für den ein oder anderen kontrovers wirken mag, aber aus meiner Sicht die einzig überzeugende ist.

Sich der Regierung unterordnen!

Römer 13,1-7 folgt logisch auf die Anweisungen des Apostels Paulus zum Leben als Christ in der Welt in Kapitel 12. Er legt einen Lebensentwurf vor, der von Bruder-, Nächsten- und Feindesliebe geprägt ist. Wenn er jetzt dazu übergeht, auf die Regierung zu sprechen zu kommen, ist das inhaltlich schlüssig, denn die Frage drängt sich dem Leser natürlich auf: „Wir sollen also unsere Mitmenschen lieben, aber wie gehen wir mit der Obrigkeit um? Sollen wir auch alles ertragen, was diese uns auferlegt?“ Ich schlage also vor, den Text mit dieser Frage im Hinterkopf zu lesen!

Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet. (Röm 13,1)

Jede Obrigkeit, sei es die deutsche Bundeskanzlerin oder der nordkoreanische Diktator, ist von Gott verordnet. Paulus sagt: Gott hat alles (!) in seiner Hand, sogar die Herrscher. Ja, er hat sie alle souverän eingesetzt. Weil das so ist, sollen wir uns unterordnen. Warum? Nun, es ist derselbe Grund, warum Paulus sagt, dass der Sklave sich seinem Herrn unterordnen und ihm dienen soll aufgrund Christi willen. Gott hat jede gesellschaftliche Struktur mit dem Ziel verordnet, dass wir in ihr Christus ähnlicher werden und ihn mit unserem Leben darstellen.

Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen. (Röm 13,2)

Offenbar redet Paulus hier von ganz grundsätzlichen Dingen. Er redet nicht davon, was zu tun ist, wenn sich gerade ein Regierungswechsel vollzieht und wie wir uns in solch einer Situation positionieren sollen. Er spielt wohl auf die Verordnungen an, durch die uns der Staat das Leben erschwert: Steuern. Nehmen wir an, wir zahlen sie nicht. Dann widerstehen wir der Regierung, die Gott eingesetzt hat. Es mag sein, dass es uns nicht gefällt, wie mit dem Steuergeld umgegangen wird. Das ist aber nicht unsere Verantwortung. Die „Anordnung Gottes“ wird für ihre Misswirtschaft und Ausbeutung der Bevölkerung von Gott selbst zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn wir also aus Protest keine Steuern zahlen (oder aus unserer Sicht falsche Gesetze brechen), dann machen wir etwas, wozu uns Gott nicht beauftragt hat. Gleichzeitig machen wir uns für den Staat angreifbar und werden unter Umständen bestraft. Und es ist ja besser, für gutes Handeln zu leiden als für böses (siehe 1. Petrus 3,13-17).

Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. Willst du dich aber vor der Obrigkeit nicht fürchten? So übe das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse übst, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut. (Röm 13,3-4)

Paulus macht klar: „Lebe diesen Lebensstil der Liebe, wie ich ihn zuvor beschrieben habe! Das sind gute Werke und wenn du sie tust, hast du nichts vonseiten der Herrscher zu befürchten!“ Außer, die Herrscher vertauschen gut und böse. Was dann? Paulus redet hier nicht darüber. Aber es scheint in seinem Sinne zu sein, sich Unrecht geschehen zu lassen. Auch dann sollen wir natürlich Gutes tun! Wenn die Regierung uns dann bestraft, dann wird sie, wie erwähnt, von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Ihre Aufgabe ist es allerdings, als „Dienerin Gottes“ das Schwert zu tragen, um den zu bestrafen, der Böses tut und den zu loben, der Gutes tut.

Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein der Strafe wegen, sondern auch des Gewissens wegen. (Röm 13,5)

Nicht nur aufgrund einer potentiellen Strafe sollen wir die Gesetze nicht brechen, sondern auch, weil wir dadurch unser Gewissen beflecken. Wie wichtig es Paulus ist, dass wir unser Gewissen rein halten, zeigt das folgende 14. Kapitel, in dem Paulus erklärt, dass eine Handlung selbst dann eine Sünde ist, wenn sie ohne Glauben geschieht und nicht nur dann, wenn sie rein sachlich Gottes Willen widerspricht.

Denn deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn sie sind Gottes Beamte, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind. Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre gebührt. (Röm 13,6-7)

Paulus hält diese positive Sicht auf die Obrigkeit aufrecht: Die Beamten sind Gottes Beamte. Sie erhalten unsere Steuern und haben die Verantwortung, das Gute zu loben und das Böse zu bestrafen. Wir sollen sie nicht durch Steuerhinterziehung oder Ähnliches verärgern, sondern ihnen das geben, was ihnen gebührt. Nicht, weil sie irgendein natürliches Recht zur Herrschaft über uns besitzen, sondern weil sie von Gott in diese Aufgabe gestellt wurden und am Ende der Zeit Rechenschaft darüber ablegen müssen, ob sie diese gut erfüllt haben oder nicht.

Fassen wir also die gewonnenen Erkenntnisse zusammen:

  1. Jeder Herrscher ist von Gott eingesetzt.
  2. Wer sich einem Herrscher in Form von Gesetzesbrüchen oder Steuerhinterziehung widersetzt, maßt sich eine Befugnis an, die ihm von Gott nicht erteilt wurde.
  3. Ein Herrscher hat die Aufgabe, als Diener Gottes das Schwert zu dem Zweck zu gebrauchen, den zu bestrafen, der Böses tut und den zu loben, der Gutes tut.
  4. Wir sollen nicht nur die Strafe vor Augen haben, sondern auch Rücksicht auf unser Gewissen nehmen, wenn wir Gesetzesbrüche in Betracht ziehen.
  5. Wenn ein Herrscher seine Aufgaben nicht wahrnimmt, wird Gott ihn als derjenige, der ihn zu einem bestimmten Zweck eingesetzt hat, zur Rechenschaft ziehen.
  6. Wir sollen dagegen zu jeder Zeit ein Christenleben der Liebe gegenüber allen Menschen ausleben und Gutes tun!

Sich der Regierung widersetzen?

Wenn das so ist, wann ist es dann angebracht, das Gesetz zu brechen? Dazu Apostelgeschichte 5,27-29:

Sie führten sie aber herbei und stellten sie vor den Hohen Rat; und der Hohepriester befragte sie und sprach: Wir haben euch streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren, und siehe, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen auf uns bringen. Petrus und die Apostel aber antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen. (Apg 5,27-29)

Hier wird die Grenze der Unterordnung demonstriert: Wir gehorchen der Regierung nur solange, wie wir es vor Gott verantworten können. In diese Kategorie fallen Themen wie:

  • die Verkündigung des Evangeliums
  • der Schutz von Personen, die unrechtmäßig vom Staat verfolgt werden
  • es bedeutet auch, dass wir uns weigern, Befehle/Anweisungen zu befolgen, die gegen Gottes Gebote verstoßen

Beten und Gerechtigkeit predigen

Aber was können wir als Christen dann überhaupt tun, um die politische Situation zu verbessern? Hier zwei Vorschläge:

Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, auf dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst. (1. Tim 2,1-2)

Veränderung gelingt durch Gebet! Paulus meint, dass wir dadurch „ein ruhiges und stilles Leben führen“ können. Ist das nicht unser Wunsch? Wir wollen, dass der Staat uns als Gemeinde Freiraum zur ungehinderten Verkündigung des Evangeliums lässt.

Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden; und hat die frühere Welt nicht verschont, sondern bewahrte allein Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern, als er die Sintflut über die Welt der Gottlosen brachte; und hat die Städte Sodom und Gomorra zu Schutt und Asche gemacht und zum Untergang verurteilt und damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden; und hat den gerechten Lot errettet, dem die schändlichen Leute viel Leid antaten mit ihrem ausschweifenden Leben. Denn der Gerechte, der unter ihnen wohnte, musste alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen durch ihre bösen Werke. (2. Petr 2,4-8)

Noah war ein Prediger der Gerechtigkeit in einer gefallenen, pervertierten Welt, Lot war Richter der Gottlosen in Sodom. Können wir das von ihnen lernen? Ich denke schon. Wir haben als Christen eine Verantwortung, andere Menschen zur Umkehr aufzurufen. Und Umkehr ist ein weiter Begriff. Dazu gehört auch, gottlose Politik als solche zu bezeichnen und die Verantwortungsträger auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen. Die Konsequenzen einer fehlenden Einsicht und Umkehr sollen wir dennoch der Autorität Gottes überlassen.

Abschließend darf auch ein Wort Jesu nicht fehlen:

Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, auf dass ich den Juden nicht überliefert würde; jetzt aber ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: Also du bist ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, dass ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, auf dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. (Joh 18,36-37)

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4 Kommentare

Friedrich Kleemann 17. März 2016 - 13:07

Diese Darstellungen entsprechen nach meinem Empfinden sowohl der apostolischen Lehre der Schrift als auch der orthodoxen Lehre der Kirche [„orthodoxe“ zu verstehen als „rechtgläubig“, nicht als der Konfessionengruppe orthodoxer Kirchen zugehörig].

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Ludwig Rühle 17. März 2016 - 14:24

Darf ein Christ sich auch politisch engagieren? Zum Beispiel in eine Partei eintreten oder auf Demos gehen? Ist es nicht vielleicht sogar die Pflicht eines Christen, sich politisch zu engagieren, wenn die Freiheit der Christen und das Wohl der Familie durch die herrschenden politischen Parteien und die Regierung gefährdet sind?

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David Kleemann 17. März 2016 - 19:11

Ich denke schon, dass es eine Pflicht ist, sich politisch zu engagieren. Engagement kann aber ganz unterschiedlich aussehen. Ich finde, dass die Aufklärungsarbeit auch eine große Rolle spielt. Man müsste sich auch einmal darauf einigen, was überhaupt erstrebenswerte Ziele sind. Ich bin da sehr radikal und sage: Um das gute Werk zu loben und das schlechte Werk zu bestrafen, braucht es nicht mehr als eine funktionstüchtige Justiz. Die Obrigkeit soll das Schwert nicht dazu missbrauchen, den Untertanen unter Androhung von Gewalt bestimmte Entscheidungen aufzuzwingen. Zu dieser Schlussfolgerung zwingt ja schon unser Glaube daran, dass alle Menschen die selben Rechte besitzen. Vielmehr entsteht eine juristische Institution aus der Nachfrage nach ihr, weil Menschen in der Praxis die Rechte anderer Menschen verletzen. Justiz ist also eine Dienstleistung, Richter sind Dienstleister (siehe Murray Rothbard).
Wir sind aber weit von solch einer Utopie entfernt. Und es gibt viele Wege, durch die wir Freiheit verteidigen bzw. erkämpfen können. Eine aufgeklärte Bevölkerung ist auf jeden Fall eine wichtige Voraussetzung für Veränderung.

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Reformierter Spiegel #26 | 20. März 2016 - 00:43

[…] CHRIST UND STAAT […]

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