Die Bibel ist eine Schatztruhe, aber wo ist der Schlüssel?

von Robin Dammer
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Große, schwere, prallgefühlte Schatztruhen – wer mag sie nicht? Neben hübschen Prinzessinnen und der Weltherrschaft scheinen sie zu den Highlights des irdischen Lebens zu gehören, zumindest versucht uns das Hollywood in seinen Filmen weiszumachen. Der Protagonist mit dem geschmeidigen Haar und sein fieser Widersacher streiten erbittert um die große Beute und während es so aussieht, als ob der Bösewicht gewinnt, wendet sich in letzter Sekunde nochmals das Blatt, Mr. Superheld triumphiert und zieht dann fröhlich mit dem Jackpot von dannen.

In der Bibel heißt es, dass die Worte Gottes ein ebenso kostbarer Schatz sind. Sie werden als große Beute (Psalm 119,162), das reinste Silber (Psalm 12,6) und viel Gold (Psalm 19,11) beschrieben. Das heißt also, wir alle haben so richtig dicke Schatztruhen in unseren Zimmern liegen. Manche nutzen sie als Retrodesign-Staubfänger oder fromme Nachttischdeko, andere öffnen sie auch gerne mal horoskopartig um Gottes Willen für den heutigen Tag zu erfahren oder sie lesen die Bibel gemäß der „Joel-Osteen-Methode“ als Nachschlagewerk für ein erfolgreiches Leben.

Spaß bei Seite, viele von uns ringen ernsthaft um Erkenntnis. Sie lesen die Bibel, weil sie verstehen wollen, was Gott den Menschen mitteilen möchte, und doch ist es so, dass nur die wenigsten Bibelleser diese hollywoodartigen Glücksmomente erleben. Handelt es sich hierbei also um einen Etikettenschwindel? Oder ist die Bibel vielleicht doch nicht aktuell genug um den post-modernen Homo sapiens sapiens „abzuholen“?

Folgende Geschichte vermittelt uns das Gegenteil, die Bibel ist sehr wohl eine prallgefüllte Schatztruhe, doch leider fehlt vielen von uns der passende (Auslegungs-)Schlüssel.

Die Emmaus Story: Von der Resignation zum brennenden Herzen (Lukas 24,13-32)

Es waren einmal zwei frustrierte Bibelleser

Ostersonntag. Kleopas und sein Freund waren unterwegs nach Emmaus. Die Sache mit Jesus hatte scheinbar nicht funktioniert, also hauten sie ab. Die Beiden waren aufgewühlt, was die letzten Tage geschah ließ sie nicht los. Der königliche Einzug Jesu in Jerusalem und die Menschenmassen, die ihm zujubelten. Jesus, wie er die Verkäufer aus dem Tempel verjagte und die Menschen mit Vollmacht lehrte. Seine plötzliche Gefangennahme und Verurteilung, erst vor dem Hohen Rat, dann auch noch vor Pilatus und dem ganzen Volk. Sein Leidensweg: Jesus, der sich umringt vom Pöbel nach Golgatha schleppte. Und schließlich sein erbärmlicher Tod am Kreuz. Und als ob das alles nicht genug gewesen wäre, scheinbar „halluzinierende“ Frauen, die von seiner Auferstehung berichteten.[1] Während die Beiden ihres Weges gingen und sich darüber austauschten, begegnete ihnen Jesus quasi undercover, „so dass sie ihn nicht erkannten“.

Long Story short: Jesus stieg so in die Diskussion ein, als hätte er keine Ahnung von dem Gesagten und nach einem entsetzten „Bist du der einzige Fremdling in Jerusalem, der nicht erfahren hat, was dort geschehen ist in diesen Tagen?“, klagten sie ihm ihr Leid. Kleopas und sein Freund waren „niedergeschlagen“; enttäuscht; deprimiert, weil sich ihre große Hoffnung scheinbar doch als Farce herausgestellt hatte, oder wie sie in ihren eigenen Worten sagten: „Wir aber hofften, dass er der sei, der Israel erlösen solle“, das heißt „jetzt aber haben wir die Hoffnung verloren.“

Nun diese Deprigeschichte schließt mit einem Happy End. Nachdem Jesus die Beiden „therapiert“ hat, heißt es von ihnen: „brannte nicht unser Herz …“. Diese zwei Männer, die gerade noch resigniert weggingen, kehrten mit neuer Leidenschaft noch zur selben Stunde um in Richtung Jerusalem. Jesus hatte also das richtige Heilmittel parat, doch bevor wir uns damit befassen, müssen wir erst einmal verstehen, was genau das Problem war.

Diagnose: Falsch verstanden…

Die Beiden waren niedergeschlagen, weil Jesus wie ein Verbrecher am Kreuz endete. Mit seinem Tod war für sie die Hoffnung auf Erlösung verloren. Ähm… Lasst uns das nochmals sorgfältig bedenken. Zwei Jesusnachfolger, also Christen, sagen, ihre Hoffnung sei mit dem Tod Jesu gestorben? Na, klingelt‘s? Die christliche Botschaft ist doch gerade, dass Hoffnung besteht, weil Jesus gestorben ist. Der Sühnetod Jesu ist doch das Kernelement des christlichen Evangeliums, wie also kommen die Beiden zum gegenteiligen Schluss?

Die Diagnose dazu ist simpel: Sie haben die Bibel falsch verstanden. Sie haben nicht kapiert:

  1. Wer erlöst werden soll.
  2. Von wem oder was Erlösung geschehen muss.
  3. Und wie die Erlösung vollbracht werden wird.

Anhand von V. 21 wird deutlich: Die Beiden glaubten, dass die große Errettung Gottes für das irdische Volk Israel geschehen sollte und zwar in der Bezwingung ihrer irdischen Feinde und dies durch die irdische Regentschaft des Messias.

Wenn diese Vorstellung jedoch falsch ist, muss man sich die Frage stellen, wie die Emmaus-Jünger dazu kamen. Nun, wenn wir Sacharja 9,9.10 einmal lesen, erübrigt sich die Frage wahrscheinlich von selbst.

„Frohlocke sehr, du Tochter Zion; jauchze, du Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir; ein Gerechter und ein Retter ist er, demütig und reitend auf einem Esel, und zwar auf einem Füllen, einem Jungen der Eselin. Und ich werde die Streitwagen aus Ephraim ausrotten und die Pferde aus Jerusalem; und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden; und er wird den Völkern Frieden gebieten; und seine Herrschaft wird reichen von einem Meer zum anderen und vom Strom bis an die Enden der Erde.“

Sacharja 9,9.10

Das klingt zugegebenermaßen wirklich nach der Verheißung eines irdischen Königs, der eine irdische Nation von einer irdischen Kriegsmaschinerie befreien soll, was kann man da so falsch verstehen? Das Problem ist die isolierte Betrachtung dieser Passage, ohne das Bild Drumherum zu verstehen. Wenn man erkennen möchte, was auf einem einzelnen Puzzleteil aufgemalt ist ohne das Gesamtbild vor Augen zu haben, dann kann man sich leicht bei der Deutung verzetteln, und so eben beim Bibellesen. Was aber ist das große Thema von Gottes Wort? Um das herauszufinden, musst du nur einmal ihren Anfang mit dem Schluss vergleichen. Wenn du den Zusammenhang der ersten drei Kapitel des Alten Testamentes (1. Mo 1-3) mit den letzten beiden des Neuen Testamentes (Offb 21-22) verstehst, erkennst du die Botschaft die zwischendrin steckt.

Am Anfang lesen wir, dass Gott alles gemacht hat und dass er Gemeinschaft mit seiner Schöpfung pflegte, dann aber fiel die Menschheit in Sünde, was ihre Verbannung aus der Gegenwart Gottes und den Fluch des Todes zur Folge hatte. Und in der Offenbarung wird beschrieben, dass die alte verfluchte Schöpfung durch einen neuen Himmel und eine neue Erde ersetzt werden wird und dass Gott seinem Volk wieder nahekommen und sogar bei ihnen wohnen wird und all diejenigen, die von ihrer Sünde reingewaschen wurden, werden den Fluch des ewigen Todes nicht schmecken. Der rote Faden, der dazwischen verläuft, beantwortet letztlich die Frage, wie man von Punkt A (gefallene Schöpfung) zu Punkt B (Neuschöpfung) gelangt. Wie können sündige Menschen mit ihrem souveränen Schöpfergott versöhnt werden? Und ich hoffe uns allen ist die Antwort bereits klar… Natürlich durch Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz von Golgatha.

Krieg und soziale Nöte waren nie das Problem, sondern die Sünde. Die Übel dieser Welt sind nichts weiter als die Symptome des Bruches mit unserem Schöpfer. Unsere Schuld und der damit verbundene gerechte Zorn Gottes sind das Problem der Menschheit, und eben deshalb brauchen wir einen Erlöser.

Die beiden Emmaus-Jünger waren enttäuscht, weil sie auf eine Behandlung äußerer Symptome hofften, und dabei erkannten sie nicht, dass Jesus dem wahren Problem ein Ende gemacht hat. Sie hofften auf eine externe Lösung gegen die römische Besatzung Israels, dabei ist der wahre Feind – nicht nur des jüdische Volkes, sondern aller Menschen – unser eigene Sünde.

Die isolierte Betrachtung von Bibeltexten bringt uns schnell auf den Holzweg, darum müssen wir, wenn wir Gottes Wort richtig verstehen wollen, die Kernbotschaft immer im Blick behalten.

Der Schlüssel

Und genau so entfachte Jesus diese zwei frustrierten Herzen neu. Er nahm die einzelnen Puzzleteile, die die Emmaus-Jünger falsch interpretiert hatten und setzte sie in den Zusammenhang der großen Heilsbotschaft. So heißt es in Lukas 24,25-27:

„Und er sprach zu ihnen: O ihr Unverständigen und trägen Herzens, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf.“[2]

Jesus lehrte sie, die Bibel richtig zu lesen. Und dies tat er, indem er die Geschichten des Alten Testaments in Hinblick auf sich („was ihn selbst betraf“) und sein Erlösungswerk („Musste nicht der Christus dies leiden…“) deutete. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er ihnen Stück für Stück die Augen für diese ganzen altbekannten Geschichten öffnete:

  • Hey Leute, der Same der Frau, der den Kopf der Schlange zertreten soll, das spricht von Jesus, wie er den Teufel am Kreuz bezwingt.
  • Und die Arche, die Noah und seine Familie vor der Flut rettet, das ist ein Bild auf Jesus, wie er die Gläubigen vor den Fluten des Zornes Gottes rettet.
  • Ach ja, der verheißene Nachkomme Abrahams, in dessen Namen alle Nationen gesegnet werden sollen, das ist Jesus.
  • Boas und Ruth ist mehr als eine Lovestory, da geht es eigentlich darum, wie Jesus sündige Heiden erlöst und sie zum Teil seines Volkes macht.
  • Und was glaubt ihr, wer ist der verheißene Nachkomme Davids, der in Ewigkeit regieren wird? Salomo oder, … na, na, na… es ist natürlich Jesus.
  • Und was ist mit dem Gottesknecht aus Jesaja? Ihr wisst schon, das Schaf, das als Sündenbock des ganzen Volkes herhalten soll? Ja genau, das spricht vom Opfertod Jesu.
  • Übrigens das Gesetz wurde auch niemals gegeben, um irgendeinen Menschen zu erretten, sondern vielmehr um zu zeigen, dass alle Menschen Sünder sind und Jesus brauchen.
  • Leute, das ganze Alte Testament dreht sich um Jesus und wie er Menschen von ihren Sünden, dem ewigen Tod und der Macht des Teufels errettet, versteht ihr?

Jesus predigte ihnen „Jesus“ und die Beiden blühten auf, oder wie sie selbst sagten: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Weg, und als er uns die Schriften öffnete?“ (V. 32)

Alles, wirklich alles, was die Bibel sagt, steht in Zusammenhang mit der Person Jesu und seinem Evangelium. Und dieses große Erlösungswerk befasst sich nicht einfach nur mit den äußeren Symptomen, sondern mit der Wurzel des Problems. Jesus selbst macht hier deutlich:

  • Das Heilmittel gegen die Krankheit der Sünde ist ER.
  • Das große Bild, in welches die einzelnen Puzzleteile eingefügt werden müssen, ist SEIN Erlösungswerk.
  • Der (Auslegungs-)Schlüssel der großen Schatztruhe Gottes heißt: „JESUS.“

Solange wir nicht begreifen, dass die Bibel christozentrisch, das heißt mit dem Blick auf Jesus hin, gelesen werden muss, bleibt sie für uns verschlossen und wir werden ihren Reichtum nicht erkennen.[3] Wenn wir aber diesen Schlüssel anwenden und die Bibel auf die eine Frage hin lesen: „Was sagt mir der Text über Jesus und sein Evangelium?“, dann öffnet sich uns diese prallgefüllte Schatztruhe und unsere Herzen beginnen zu brennen.


[1] Lukas 18, 28-40; 19, 45-27; 23,18-29; 24,1-11.

[2] Gleiches beschreibt er übrigens auch mal an anderer Stelle: „Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen; und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt.“ (Johannes 5,39-40).

[3] Das bedeutet aber nicht, dass wir Jesus abstrakt in jeden Satz hineinpressen sollen, sondern dass alles im Kontext seines Erlösungswerks betrachten werden muss. Nicht jeder Bibelvers ist christologisch, aber alles muss christozentrisch, nämlich im Zusammenhang der Heilsgeschichte Jesu, verstanden werden.

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2 Kommentare

Reformierter Spiegel #27 | 28. März 2016 - 00:30

[…] Die Bibel ist eine Schatzruhe, aber wo ist der Schlüssel? […]

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Die Bibel ist eine Schatztruhe, aber wo ist der Schlüssel? › Werden wie Jesus 19. April 2016 - 09:03

[…] Die Bibel ist eine Schatztruhe, aber wo ist der Schlüssel? […]

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