Die Braut, Johnny Cash und Ich – Perspektiven eines Partycrashers

von Lars Reeh
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Es ist 2009. Spätsommer. Ich bin gerade aus England in die Heimat zurück gekehrt und hungrig danach, meine sozialen Kontakte wieder aufblühen zulassen. Gerade richtig kommt der Geburtstag einer Freundin. Es soll eine Motto Party sein – das Thema: Film. Ich: keinen Bock mich zu verkleiden! Also krame ich in meinem Gedächtnis und erinnere mich an Walk the Line. Das Portrait über Johnny Cash; auch als Man in Black bekannt, weil er oft ganz in schwarz auftrat. Dies war zu seiner Zeit noch unüblich – war halt vor Emo. So fuhr ich los, ganz in schwarz bewaffnet mit einem Geschenk. Als ich bei der Grillhütte ankam, waren fast alle Parkplätze mit dicken Schlitten belegt; ziemlich unüblich für eine Studentenparty. Ich dachte mir aber nichts weiter und erklomm den Berg zur Feier. Oben angekommen, war ich verblüfft, der ganze Platz war bereits voll mit Leuten, die sehr schick gekleidet und in der Mehrheit höheren Alters waren.

Auf einmal machte alles Sinn. Meine Bekannte hatte ihren 25igsten Geburtstag mit der extended family gefeiert. Und da ihre Eltern beide Zahnärzte sind, war wohl die gesamte Familie der oberen Mittelschicht zugehörig, daher auch die teuren Autos und die Anzüge und Kleider (obwohl eine schicke Garderobe bei konservativen Christen ohnehin öfters mal zum Zuge kommt, so auch hier). Glücklicherweise fiel ich als Man in Black nicht weiter unter den Gästen auf. Die einzige Person, die bisher in der Menge auffiel, war eine Frau in einem Brautkleid, welche sich vermutlich als die Bride von Kill Bill verkleidet hatte. Nun ja, da es schon etwa 20 Uhr war, schlussfolgerte ich, dass das Abendessen gerade ausgeklungen war und die Familie meiner Freundin sich nun bald verabschieden würde, um von den, als Filmcharaktere verkleideten, peers ersetzt zu werden. Ich wartete und nickte freundlich, wenn jemand an mir vorbei lief.

Nach einer halben Stunde wollte ich dann doch dem Geburtstagskind gratulieren und machte mich in das innere der Hütte auf. Dort sprach ich einen jungen Mann an: „Wo ist denn Janina?“ Noch bevor er antworten konnte tippte mich die Frau in dem Brautkleid an und wollte wissen was ich hier zu suchen hätte. Ich erklärte ihr dreimal, dass ich hier auf einer Geburtstagsfeier eingeladen sei, aber davon wollte sie nichts hören. Total verwirrt zog ich von dannen.

Was war passiert? Ich war doch zur richtigen Zeit, am richtigen Ort gewesen, oder? Nicht ganz. Der Ort stimmte schon, der Zeitpunkt jedoch nicht. Lustiger weise hatte ich mich im Datum vertan und war auf einer Hochzeit gelandet, die ich für ca. 30 Minuten tatsächlich für die Geburtstags-Film-Motto-Party hielt. Das ist auch die eigentliche Pointe an dem ganzen. Alle Ereignisse: die Autos, die fremden Leute, die Anzüge, ja selbst die Braut wurden von mir innerhalb meiner Erwartungshaltung/meiner Brille (=Geburtstagsfeier) gerahmt und interpretiert. Jedoch änderte all mein subjektives Konstruieren nichts an der objektiven Realität. Ich war nicht dort, wo ich zu sein glaubte. Dieses Ereignis zeigt, dass eine subjektive Überzeugung noch lange keine Realität schafft.

Doch der Konstruktivismus lehrt genau dies: Es gibt keine allgemein gültige Wahrheit. Was Richtig und Falsch ist, liegt im Auge des Betrachters. Konstruktivistische Aussagen klingen in etwa so: „Jeder hat seine eigene Wahrheit“. „Das mag für dich stimmen, aber nicht für mich.“

Die biblische Sicht der Realität ist eine andere: Gott ist absolute Wahrheit. Er definiert was Richtig und Falsch ist. Die Wahrheit richtet sich nicht nach unseren Überzeugungen, sondern unsere Überzeugungen sollten sich nach der Wahrheit richten!

Ich meine, mit meinem Partycrash den Konstruktivismus widerlegt zu haben. Ich bin nur froh, dass ich dabei nicht als Clown verkleidet war.

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4 Kommentare

Alexander Hiller 16. Juni 2015 - 21:14

Klasse! Ich sehe dich vor meinem geistigen Auge immernoch den Leuten freundlich zunicken :-D.
Die ganze Zeit über warst du von „deiner Wahrheit“ überzeugt, immerhin^^.

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Naemi 17. Juni 2015 - 12:44

😀 Richtig lustig. Könnte man verfilmen. Kurzfilm mit Lars!

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Essay: Die Braut, Johnny Cash und Ich – Perspektiven eines Party-Crashers | Hanniel bloggt. 18. Juni 2015 - 08:24

[…] Lars Reeh zeigt anhnad eines eigenen Erlebnisses, dass wir uns zwar schon Wirklichkeit konstruieren können, dies uns jedoch keinesfalls aus der Realität herauslöst. Und, bitte: Sagt mir jetzt nicht, dass wir eine Unterscheidung zwischen Alltagssituationen und Diskussionen über Werte vornehmen sollen. […]

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Johan 18. Juni 2015 - 20:27

Sehr guter Artikel

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