Der Kelch

von Jochen Klautke
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Der Kelch

„Und Jesus nahm Petrus und Jakobus und Johannes mit sich; und er fing an, zu erschrecken, und ihm graute sehr. Und er sprach zu ihnen: ‚Meine Seele ist tief betrübt bis zum Tod. Bleibt hier und wacht!‘ Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge. Und er sprach: ‚Abba, Vater! Alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir! Doch (es geschehe) nicht, was ich will, sondern was du willst!‘“

Markus 14,33-36

Jesus war traurig, sehr traurig.

Warum war er an diesem Abend so niedergeschlagen, als er mit seinen Jüngern in den Garten mit dem seltsamen Namen Gethsemane ging und betete?

‚Komische Frage‘ denkst du dir vielleicht jetzt. ‚Wenn alle meine Freunde mich so enttäuschen, wie die Jünger hier Jesus enttäuscht haben, dann wäre ich auch so traurig.‘

Aber waren die Jünger der eigentliche Grund für die Trauer von Jesus? Ich glaube nicht.

‚Naja, aber…dann lag das halt daran, dass Jesus wusste, dass er gleich an ein Kreuz geschlagen würde?‘

Das war zweifellos schlimm. An ein Kreuz geschlagen zu werden, war eine extreme Demütigung. Schließlich hing man dort nackt und nur die schlimmsten Verbrecher wurden so hingerichtet. Außerdem war eine Kreuzigung extrem schmerzhaft. Man hing stundenlang in der Sonne und verdurstete, verblutete und erstickte gleichzeitig und doch quälend langsam. War das der Grund für die Angst von Jesus?

Ich glaube nicht.

Denn Jesus betete im Garten nicht: „Bitte Vater, schenke, dass ich nicht ans Kreuz gehen muss“, sondern er sagt: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“

Jesus hatte offensichtlich Angst vor diesem Kelch Aber was war dieser Kelch und warum hatte Jesus so sehr Angst davor, dass er sogar die Schmerzen und die Demütigung des Kreuzes in den Schatten stellte?

Ein großes Problem

Bei der Suche nach einer Antwort müssen wir zunächst ins Alte Testament gehen. Dort begegnet uns der Kelch an ganz vielen Stellen – sowohl in den Psalmen als auch in den Propheten. Er wird dort immer in einem Bild gebraucht, das folgendermaßen funktioniert: Jedes Mal, wenn ein Mensch, eine Gruppe von Menschen oder ein Volk sündigt, ist Gott zornig. Das liegt daran, dass Gott heilig, gerecht und sündlos ist und auf Sünde zornig reagieren muss, weil sie gegen alles spricht, was ihn ausmacht.

In dem Bild sieht das so aus, dass jedes Mal, wenn Gott zornig ist, dieser Zorn wie Wasser oder Wein in einen Kelch gegossen wird. Je öfter ein Mensch sündigt, desto voller wird sein Kelch. Irgendwann ist dieser Kelch voll und man muss den Kelch voller Zorn austrinken. Diesen Kelch austrinken zu müssen, ist das Schlimmste, was es in diesem Universum gibt. Es bedeutet, dass dich der Schöpfer dieser Welt, der allmächtige Gott, mit seinem Zorn übergießt – und das ist furchtbar. Die Bibel nennt das Gericht.

Im Alten Testament – also mehrere hundert Jahre bevor Jesus im Garten betete, waren es meistens die Heiden, also die Gottlosen, die ihren Kelch voller Zorn trinken mussten. Der Liederdichter Asaph schrieb in Psalm 75:

„Denn ein Becher ist in der Hand des Herrn, gefüllt mit schäumendem Würzwein; davon schenkt er ein: sogar seine Hefen müssen schlürfen und trinken alle Gottlosen auf Erden.“

Psalm 75,9

Mehrere hundert Jahre später schrieb der Prophet Jeremia etwas Ähnliches:

„Denn so sprach der Herr, der Gott Israels, zu mir: Nimm diesen Kelch voll Zornwein aus meiner Hand und gib ihn allen Völkern zu trinken, zu denen ich dich sende. […] Und es soll geschehen, wenn sie sich weigern, den Kelch aus deiner Hand zu nehmen und daraus zu trinken, so sollst du zu ihnen sagen: So spricht der Herr der Heerscharen: Ihr müsst dennoch trinken!

Jeremia 25,17.28

Wie gesagt: Der Kelch und das Trinken sind nur ein Bild für das Gericht Gottes. In der Realität sah das so aus, dass die Völker, die von Gott nichts wissen wollten, in Kriegen oder durch Katastrophen gerichtet wurden. Sie mussten – bildlich gesprochen – ihren eigenen Kelch austrinken.

Aber nicht nur die Gottlosen haben einen solchen Kelch, sondern auch das Volk Gottes war alles andere als sündlos. Deswegen mussten auch sie ihren Kelch austrinken. In langen Kriegen wurden sie erst vernichtend geschlagen und schließlich ins Exil nach Babylon verschleppt.

Aber in dieser dunkelsten Stunde für Israel gab es Hoffnung. Der Prophet Jesaja verkündigte:

„Erwache! Erwache! Stehe auf, Jerusalem, die du von der Hand des Herrn den Becher seines Zorns getrunken hast, die du den Taumelkelch getrunken und ausgeschlürft hast! […] So spricht dein Herr, der Herr, und dein Gott, der den Rechtsstreit für sein Volk führt: Siehe, ich will den Taumelbecher aus deiner Hand nehmen, den Kelch meines Grimms, dass du künftig nicht mehr daraus trinken must.“

Jesaja 51,17.22

Am Ende wird Gott dafür sorgen, dass sein Volk nicht mehr den eigenen Kelch trinken muss. Aber wie geht das? Schafft Gott vielleicht einfach den Kelch ab?

Das geht nicht, denn er ist nun einmal so heilig und gerecht, dass er über die Sünden zornig sein muss.

Eine bessere Lösung

Stattdessen entscheidet er sich für etwas anderes. Er beschließt, den Kelch seines Zorns nicht mehr seinem Volk zu geben, obwohl sie es eigentlich verdient hätten, sondern er schickt seinen Sohn: Jesus. Jesus, der selbst Gott ist, wurde Mensch – mit einem zentralen Ziel: Er sollte den Kelch des Zorns von Gottes Volk ein für alle Mal austrinken. Aber eben nicht den Kelch von einem Menschen, sondern den Kelch von hunderten, tausenden, zehntausenden von sündigen Menschen, die Tag für Tag ihren Kelch wieder ein bisschen voller machen. Das ist das, was an Karfreitag vor ungefähr 2000 Jahren passiert ist. Und das ist das, wovor Jesus so unglaubliche Angst hatte. Das, was für uns das Evangelium, also die gute Nachricht ist, war für Jesus eine furchtbare Aussicht.

Einige Wochen, bevor Jesus hier im Garten betete, wollten seine Jünger Johannes und Jakobus unbedingt neben ihm im Himmel sitzen.

„Sie sprachen zu ihm: Gewähre uns, dass wir einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen dürfen in deiner Herrlichkeit! Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke[…]? Und sie sprachen zu ihm: Wir können es!“

Markus 10,37-39

Natürlich konnten sie das nicht, denn sie waren dazu viel zu schwach. Der Heidelberger Katechismus formuliert das in Frage und Antwort 17 folgendermaßen:

„Warum muss unser Erlöser wahrer Gott sein?“ Antwort: „Nur wenn der Erlöser auch wahrer Gott ist, kann ein Mensch die Last des Zornes Gottes tragen (also den Kelch trinken) und andere davon erlösen.“

Als Jesus nur wenige Stunden nach seinem Gebet im Garten erst verhört, dann geschlagen, verspottet und verhöhnt wurde und schlussendlich an einem Kreuz hing, da tat er genau das, wovor er so eine große Angst hatte: Er trank den Kelch des Zornes Gottes für uns.

Es war dieser Moment, in dem er schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Markus 15,34), als Gott, der Vater, sein Gesicht von seinem geliebten Sohn abwandte und ihn den gesamten Zorn über die Sünde seines Volkes trinken ließ. Dieser Moment erschütterte die Erde, veränderte die Weltgeschichte und gab hoffnungs-losen Menschen die Hoffnung zurück.

Bereits im Garten wurde Jesus von seinen besten Freunden verlassen. Aber das war nur ein ganz kleiner Vorgeschmack auf das, was ihn wenige Stunden später erwartete: Für einen Augenblick wurde die engste Bindung, die es überhaupt gibt, unterbrochen, als Jesus deinen und meinen Kelch austrank.

Was heißt das jetzt für dich?

Wegen diesem Ereignis gibt es nur zwei Sorten von Menschen in dieser Welt: Die einen sind die, die von Gott nichts wissen wollen. Sie werden einmal ihren Kelch ganz alleine austrinken müssen und das wird in alle Ewigkeit dauern. Es ist der Ort, den die Bibel als Hölle bezeichnet. Und dann gibt es die Menschen, die nicht besser sind als die erste Gruppe. Auch sie schleppen eigentlich einen vollen Kelch mit sich herum. Aber sie kommen zu Jesus und sagen:

„Jesus, ich kann dir nichts bieten, hilf du mir! Danke, dass du für mich gestorben bist. Ich möchte dir nachfolgen.“

Wenn du das bekennst und es zu deiner Lebenseinstellung machst, dann darfst du wissen: Jesus hat damals auch deinen Kelch ein für alle Mal ausgetrunken!

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4 Kommentare

Artur 26. März 2016 - 00:33

Danke.das war hilfreich, verständlich

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Annegret 1. August 2019 - 12:18

Ich bin schon lange Christ, aber dieser Artikel hat mich zutiefst berührt und ich danke Euch dass ich dadurch Gethsemane besser verstanden habe.

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Und er sprach: ‚Abba, Vater! Alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir! | Bibelkreis München 25. Januar 2020 - 22:46

„Und Jesus nahm Petrus und Jakobus und Johannes mit sich; und er fing an, zu erschrecken, und ihm graute sehr. Und er sprach zu ihnen: ‚Meine Seele ist tief betrübt bis zum Tod…“

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Elena Vibert 18. April 2020 - 17:09

Ich bin im Kontext der Recherche zum Tun-Ergehen-Zusammenhang des evangelischen Theologen Klaus Koch („Gibt es Vergeltungsdogma im Alten Testament, 1955) auf „Kelch“ gestoßen. Es scheint, dass die von Koch beschriebene Tat-Unheil-Sphäre dem Inhalt des zu trinkenden Kelches entspricht, dem Schicksal, verursacht durch den Menschen selbst.

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