Wie eine Lilie unter Dornen – äußere und innere Schönheit im Hohelied

von Ludwig Rühle
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Lilie

Dieser Artikel erschien zuerst im Timotheus Magazin Nr. 34 (01/2019); bereitgestellt mit freundlicher Genehmigung des Betanien-Verlags.

„Seht mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat! Die Söhne meiner Mutter zürnten mir, sie setzten mich zur Hüterin der Weinberge; doch meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet!“

Hld 1,6

Gott hat uns so geschaffen, dass wir Dinge mit allen unseren Sinnen wahrnehmen und auf Äußerlichkeiten reagieren. Äußere Schönheit spielt durchaus eine Rolle, und wir können uns an ihr berauschen. Im richtigen Rahmen ist das sehr gut, vor allem wenn es dazu dient, unseren Schöpfer für seine wunderbaren Werke zu loben und wir dabei nicht vergessen, dass äußere Schönheit nicht alles ist, was uns interessieren sollte. Aber beim Lesen des Hoheliedes könnte man denken, dass es hier nur um eine solche äußere Schönheit ginge. Schnell gewinnt man den Eindruck, es sei die Rede von einem jungen Adonis und einer perfekten Helena, dem Traumpaar schlecht hin. Immer wieder rühmt der Mann ausgiebig die Schönheit der Frau und umgekehrt, als ob das Aussehen das Wichtigste wäre. Ist das nicht eher so in der Welt, wo der Charakter hinter der äußerlichen Erscheinung zurücktritt und es wichtiger ist, gut auszusehen, als innerlich gut zu sein?

Doch so flach ist das Hohelied nicht. Im Gegenteil! Schon im ersten Kapitel wird sehr deutlich, dass die Frau keineswegs dem damaligen Schönheitsideal entsprach. Durch ihre Arbeit in den Weinbergen war ihre Haut sonnenverbrannt und dunkel – und nicht etwa weiß, wie es dem Idealbild entsprochen hätte:

Seht mich nicht an, weil ich so schwärzlich bin, weil die Sonne mich verbrannt hat! Die Söhne meiner Mutter zürnten mir, sie setzten mich zur Hüterin der Weinberge; doch meinen eigenen Weinberg habe ich nicht gehütet!“

Hld 1,6

Wenn sie vom „eigenen Weinberg“ spricht, meint die Frau ihren Körper, um dessen Schönheit sie sich nicht – wie andere junge Frauen – ausgiebig kümmern konnte. Nun hat sie Angst, ihrem Freund nicht zu gefallen:

„Ich bin eine Narzisse von Saron, eine Lilie der Täler“

Hld 2,1

Mit anderen Worten: „Ich bin ein gewöhnliches, einfaches Mädchen. Keine gezüchtete Rose, sondern eher eine unscheinbare Wildblume.“ Doch der Mann antwortet ihr: „Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern!“ (2,2) Es ist klar, was er ihr sagen will: „Du bist etwas ganz Besonderes für mich. Du bist die Schönste für mich.“ Mindestens drei weise Gründe bewegen diesen Mann zu seinem wunderbaren Kompliment an die Frau:

  1. Erstens spricht er so, weil er sich nicht von künstlichen Schönheitsidealen und -maßstäben der Kultur und Mode bestimmen lässt. Tatsächlich sind die meisten Schönheitsideale völlig unnatürlich, teilweise sogar verdorben und pervers. Ein Beispiel: Hierzulande gehen viele Menschen in Solarstudios: Dunklere Haut zu haben, hält man für schön. In Afrika nehmen sehr viel Frauen Hautaufheller: Helle Haut zu haben, hält man dort für schön. Das Schönheitsideal gebräunter oder gebleichter Haut ist aber nicht nur unnatürlich, Solarbräune und viele Hautaufheller sind auch sehr schädlich für die Haut.
  2. Zweitens spricht der Mann so, weil er mit den Augen der Liebe sieht, und er dadurch nur die Eine im Blick hat. An seiner Liebe wird seine Treue deutlich.
  3. Und drittens spricht er so, weil er nicht nur ihre äußere natürliche, sondern eben auch ihre innere Schönheit sieht.

Ihr findet im Hohelied sehr viele Verse, in denen der Mann die Schönheit der Geliebten mit allen möglichen prächtigen Bildern beschreibt. In dieser poetischen und damit verhüllten Weise spricht er auch von ihren Geschlechtsmerkmalen. Diese Frau ist für den Mann die Schönste von allen. Jedes Detail an ihr ist berauschend für ihn. Doch was ihn vor allem anzieht, was er am meisten preist: Sie trägt ihre Schönheit nicht zur Schau und bewahrt sich sexuell rein:

„Dein Hals gleicht dem Turm Davids, zum Arsenal erbaut, mit tausend Schildern behängt, allen Schilden der Helden. Deine beiden Brüste gleichen jungen Gazellen, Gazellenzwillingen, die zwischen den Lilien weiden“

Hld 4,4-5

Die Frau ist wie ein Wehrturm geschützt; ihre Brüste sind anmutig und schön wie Gazellen. Das Bild vom Wehrturm ist noch nachvollziehbar, doch was haben Gazellen mit Keuschheit zu tun? Nun, sie sind anmutig und schön, aber auch scheu und vor allem sehr, sehr schnell. Sie können über längere Zeit 50 km/h schnell rennen und kommen sogar an Spitzengeschwindigkeiten von 80 km/h ran. Gazellen gehören zu den flinksten Fluchttieren. Du bekommst sie nie aus der Nähe zu sehen.

An anderer Stelle vergleicht der Mann seine Geliebte mit einem wunderschönen Garten zum Lustwandeln, erfüllt von herrlichsten Früchten und Blumen. Doch dieser Garten ist verschlossen und seine Quelle versiegelt (4,12-15). Noch hat der Mann keinen Zugang, um den Garten genießen zu können. Die Frau ist so einzigartig, weil sie für etwaige Verehrer verschlossen und versiegelt ist und sich für den einen bewahrt hat. Zwei Anwendungen möchte ich hier ableiten:

  1. Pflegt und beschützt eure innere Schönheit! Es gibt nichts „Schöneres“ für den inneren Menschen, als Christus ähnlicher zu werden, als mit seinem Geist und seiner Liebe erfüllt zu sein (vgl. Eph 3,14-19).
  2. Menschen, die energisch darauf bedacht sind, ihre äußeren Reize zu präsentieren, durch ihre Kleidung und ihr Auftreten, lassen darauf schließen, dass die innere Schönheit verkümmert ist oder noch wachsen muss. Das solltet ihr bedenken, wenn ihr auf der Suche nach einem Partner seid.
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Declan 16. Juni 2019 - 15:37

Diesen Artikel hat mir Jörn letztens während einer Autofahrt vorgelesen 😉
Wer will noch mehr Artikel zum Hohen Lied?

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