Das Zwiebelmodell

von Heiko Sowadzki
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Das Zwiebelmodell

Kurz vorweggenommen sei gesagt, dass dieser Beitrag auch als MP3 am Ende dieser Seite zur Verfügung steht.

Neulich sagte ein Arbeitskollege in etwa Folgendes zu mir: „Und wenn alles gut geht, dann kriege ich den Job und leite die Geschäfte in ganz Hessen.“ Wir sprachen nämlich gerade darüber, was unsere weiteren Ziele seien, nachdem wir unseren Abschluss erreicht hatten. Ich hab mir hier einen Spaß erlaubt und zurückgefragt: „Warum willst du das?“ Die Antwort war, dass mein Kollege damit seine Karriere entwickeln konnte. Ich blieb dran und fragte wieder: „Und warum willst du das?“ Er antwortete belustigt und dachte wohl, ich sei irritiert. Also erklärte er es mir. Und ich fragte wieder: „Und warum das?“ Mittlerweile war uns klar, das dieses Spiel etwas länger gehen würde. „Damit ich genügend Geld mache.“ Ich blieb hartnäckig. „Ja klar, aber dann nochmal an dieser Stelle, warum willst du genügend Geld machen?“ Inzwischen war ich belustigt und er irritiert, aber das waren wir voneinander schon gewohnt. Ich blieb mit dieser Frage einfach an ihm dran und ließ ihn reden (war also ein geduldiger Zuhörer). Er nannte sein nächstes Ziel und ich fragte wieder nach, warum das sein Ziel sei. So ging es ein paar Minuten und dann waren wir beim Ziel aller Ziele angekommen. Warum will mein Arbeitskollege den Job? Das Ergebnis war absolut erstaunlich. (Und: Ätsch, ich sags erst weiter hinten im Text.)

Wer ab und an mit Kindern zu tun hat, der kennt dieses Spiel noch. Ich hab mich absichtlich verhalten wie ein Kind und außerhalb der Spielregeln gespielt. Ich hab seine Antwort zwar verstanden, aber trotzdem nochmal nachgehakt. Kinder fragen häufig das unschuldige „Warum?“ und wir sind ihnen auch nicht böse deswegen. (Wir werden erst böse, wenn uns die Antworten ausgehen.)

Ich hatte ein paar Gespräche dieser Art, mit ganz veschiedenen Personen. Ich sprach mit Jungs und Mädchen, mit politischen Leuten, mit Lehrern, mit Schülern. Darunter waren manchmal Christen, manchmal Atheisten, hin und wieder auch Agnostiker. Und wenn sich diese Warum-Warum-Warum-Kette im Gespräch ergab, habe ich jedesmal etwas Zentrales festgestellt: Alle haben dasselbe Ende der Kette. Alle haben dasselbe Universalziel. Eine ungeheuerliche Entdeckung! Alarmiert die Medien!

Und hier kommt das Zwiebelmodell ins Spiel. Man kann es sich so vorstellen: Die Ziele eines Menschen sind die verschiedenen Schalen einer Zwiebel. Wenn ein Mensch sich etwas vornimmt und sein Leben in eine bestimmte Richtung lebt, dann ist das von Außen sichtbar, so wie bei der äußersten Schicht einer Zwiebel. Fragt man aber nach, warum dieses sichtbare Ziel überhaupt erfüllt werden soll, dann gehen wir unter die Schale, quasi eine Etage tiefer, und schauen uns das tieferliegende Ziel an. Und der mutige Fragesteller darf dann ruhig dranbleiben. Mit dem nächsten „Warum?“ wird vorsichtig die nächste Zwiebelschicht entfernt. Darunter kommt eine neue Schicht zum Vorschein, und erneut fragen wir nach, und erneut finden wir eine Schicht darunter. Und so kann man in Geduld und Freundlichkeit nachfragen und die Antworten hören. Und irgendwann sind wir in der Zwiebel ganz unten angelangt. Wir finden den Kern der Dinge, das Ziel aller Ziele, das Universalziel unserer Entscheidungen. Wie bei einer Zwiebel. Ganz tief drin liegt der Kern aller Dinge.

Wie war das bei meinem Kollegen? Kurz gefasst: Ausbildung. Warum Ausbildung? Weil Job. Warum Job? Weil Geld. Warum Geld?  Weil … usw.

Gleich erwähne ich auch, was unter meinen Gesprächspartnern alle als Ziel genannt haben. Fast geschafft, versprochen.

Vorher wende ich mich aber an dich. Wir kennen uns zwar nicht so gut, aber gewähre mir bitte trotzdem, dich persönlich anzusprechen. Sagen wir, wir haben uns irgendwo getroffen und warten auf die Bahn, und wir fangen an zu quatschen. Was machst du so? Läuft dein Leben gut? Ich fahre in die Innenstadt und mache ein paar Besorgungen. Welche Bahn nimmst du? Ah, verstehe, die Linie bin ich früher auch gefahren. Und wohin bringt sie dich? Du weißt ja schon, worauf ich hinaus will. Du weißt, dass ich dich nach deinen Zielen fragen werde und dein Universalziel erforschen will. Vielleicht bist du überrascht, weil noch nie jemand ernsthaft danach gefragt hat, was dein Ziel aller Ziele ist. Der ein oder andere Gesprächspatner antwortete mir, er versuche nur mit seinem Leben klarzukommen. Und ich habe Verständnis dafür. Wir müssen nicht für alles eine Erklärung haben. Aber für die wichtigsten Angelegenheiten unseres Lebens müssen wir mit der Zeit Erklärungen finden. Ich frage dich also persönlich: Was ist dort, tief in der untersten Schicht? Was ist der Grund für all die Dinge, die du tust? Was ist dein Ziel?

Zurück zu meinem Arbeitskollegen. Er möchte sich eine kleine Welt aufbauen, in der alles so existiert, wie er es gut findet. Sein Universalziel war sein eigenes Wohlbefinden. Das Ziel all seiner Bemühungen war der Aufbau einer eigenen Herrschaft über sein Leben, das heißt, sich mit allem zu umgeben, was ihn glücklich macht. Das hat er so formuliert: „Eigentlich will ich das alles… na… wegen mir halt, du weißt schon.“ Ich formuliere seine Worte ein wenig um: „Mein Universalziel ist Ich.“

Eine Bekannte von mir war etwas zurückhaltender. Sie sprach von einem Ideal, nämlich von der Gleichberechtigung aller Menschen. Ich habe dann gefragt, warum diese Gleichberechtigung sie glücklich machen würde. Und die Antwort war: „Weil ich es für richtig halte. So ist es gut.“ Das scheint auf den ersten Blick eine nettere Antwort zu sein als die von meinem Arbeitskollegen, aber die Antworten sind im Kern gleich. „Ich will, dass meine Ansprüche erfüllt werden. Meine Ansicht von Gut und Böse. Ich will, dass alles nach meinen Wünschen gut geregelt ist. Mein Universalziel ist Ich.“ Sie konnte auch nicht sagen, warum ihr Ziel denn „gut“ ist. Sie konnte nicht sagen, warum irgendetwas anderes neben ihrem Ziel „böse“ wäre. Darin zeigt sich die Tücke ihrer Antwort – denn wer bestimmt bei ihrer Antwort, was „gut“ ist? Sie selbst bestimmt es. Mein Universalziel ist Ich.

Stellen wir uns vor, ein fremder Mann geht die Straße entlang und hat Mitleid mit einem Bettler. Also gibt er ihm ein paar Euro. Wir fragen ihn, warum er das getan hat. Und er gibt uns die Antwort. Aber hinter seiner Antwort, im innersten Kern der Zwiebel, werden wir die Haltung finden: „Ich will, das meine Ansprüche erfüllt werden. Ich bestimme, was gut und richtig ist, und ich will es herbeiführen.“

Ich habe festgestellt, dass im innersten Kern immer wieder „Ich“ auftaucht. Bei jedem Gespräch kam dies als das Ziel aller Ziele raus: Mein Wille geschehe. Letztendlich leben wir alle für unsere eigenen Bedürfnisse. Sogar wer sich für Schwächere aufopfert und ihnen hilft, handelt nur so, weil es sein eigener moralischer Maßstab ist, an den er sich halten will. (Oder vielleicht, weil seine Gefühle ihn dazu treiben – Mein Gefühl geschehe.) Wir selbst versuchen, uns ein Königreich aufzurichten, in dem wir unser Gott sind. Der Gott unseres Lebens. Mein Universalziel ist Ich.

Wir können das am Lügen testen. Ich weiß nicht, ob du Christ bist oder nicht – für uns Christen gilt jedenfalls: „Du sollst nicht lügen.“ Darf ich dir mit der Warum-Warum-Kette begegnen? Die meisten Menschen sagen in der Öffentlichkeit, dass man nicht lügen darf. Aber tatsächlich sieht es anders aus: Wir sagen dann: „Es gibt Notlügen und solche Sachen.“ Das müsse man manchmal flexibel beurteilen. Hier also die Warum-Frage: Warum entscheidest du flexibel, unter welchen Umständen Lügen nicht so schlimm ist? Und die Antwort: „Lügen ist dann schlecht, wenn es mir schadet. Lügen ist erlaubt, wenn es mir nützt. Darum darf ich lügen, wenn es nach meiner Beurteilung angebracht ist.“ Sogar wer Opfer auf sich nimmt, weil er sich weigert, zu lügen, sagt damit am Ende des Tages: „Für mein Ideal nehme ich auch Schaden auf mich. Das ist das Ideal, das ich gewählt habe, mir wert!“ Wir alle bestimmen unser Richtig und Falsch selbst. Mein Universalziel ist Ich.

Dieser Trieb, das Sich-Selbst-Verwirklichen-Wollen, das Streben nach dem Wohlergehen des Ich – das ist das Herz des Menschen. Ich kann schreiben „Herz“, weil es gut zeigt, dass es der verborgenste und innerste Teil von uns ist. (Eben genau wie bei einer Zwiebel.)

Beim Zwiebelmodell geht es eigentlich um das Zeichen eines echten Christen. Alle Menschen werden als Nicht-Christen geboren. Und einige dieser Menschen werden im Laufe ihres Lebens Christen. Und Christ wird man durch eine Veränderung durch den Heiligen Geist. (Das wird z.B. in Johannes 3 erklärt.) Das Christ-Werden kann man auch beschreiben als das Eintreten in den „Neuen Bund.“ (Ich habe das aus Hesekiel 36; es wird in Hebräer 8 erklärt). Ich mache jetzt mal eine steile These: Bei einem Christen wirst du am Ende dieser Warum-Warum-Kette etwas anderes finden. Das Universalziel ist nicht Ich, sondern jemand anderes. Das Universalziel ist der Jesus Christus der Bibel.

Als ich das mal einer christlichen Mitarbeiterin erklärt hatte, bekam sie Panik. Das muss man sich mal vorstellen: Eine erwachsene Frau bekommt eine trockene Stimme, zittrige Hände und Angst in den Augen. Ich dachte erst, ich wäre ihr auf den Fuß getreten oder sowas. Das war natürlich nicht der Grund. Der Grund war, dass sie nicht ehrlich sagen konnte: „Jesus ist mein tiefstes Ziel.“ Und diese Erkenntnis hat sie (eine Pfarrerstochter) völlig überfordert.

Es kann natürlich sein, dass sie an dieser Stelle gemerkt hat, dass sie nie eine wirkliche Christin war. Ich glaube das aber nicht. Wenn du an dieser Stelle besorgt wirst, dann sage ich dir dasselbe wie der Pfarrerstochter: Erstmal keine Panik (!). Es gibt viele Arten, auf die ein oder andere Weise zu sagen: „Mein Universalziel ist Jesus.“ Einige Menschen sagen: „Ich handle so, weil es Gott Ehre macht.“ Und sie haben damit Recht. Andere sagen: „Weil Gott mein Freund ist, werde ich das nicht machen, denn es würde ihn enttäuschen!“ Und damit haben sie Recht. Wiederum andere sagen gemeinsam mit Jesus: „Es steht geschrieben…!“ und handeln deswegen entsprechend. Wer Latein kann, der sagt vielleicht: „Soli Deo Gloria!“ Und einige sagen es in aller Kürze: „Weil ich glaube.“

Es ist nicht wichtig, welche Formulierung das Universalziel beschreibt. Es ist nicht wichtig, ob du jemals darüber nachgedacht hast. Das Wichtige ist: Hast du Jesus? Hat Jesus dich?

Ich glaube, wer Jesus hat, der hat „tief im Herzen“ ein Universalziel, eine echte Stärke, die sich mit der Zeit bei allen äußeren Schichten zeigt. Es ist eine Allianz mit dem Jesus der Bibel. Und diese Allianz macht zu einem ganz neuen Menschen. Und ich glaube nicht, das ich mich damit zu weit aus dem Fenster lehne. Wenn du Hebräer 8 aufschlägst und liest (oder auf www.bibleserver.com öffnest), ist es dann wirklich so an den Haaren herbeigezogen, wenn ich sage: Ein Christ hat ein anderes Universalziel? Hat er (oder sie) nicht einen anderen Geist in sich? Hat er nicht ein anderes Herz in sich? Hat er nicht einen neuen Kern, sodass man sogar sagen kann, er ist ein ganz neues Wesen?

Ich will mich noch einmal klar ausdrücken: Wir Christen halten nicht das Gebot wegen dem Gebot selbst. Wir schätzen die Moral nicht um der Moral selbst willen. Wir lieben Menschen nicht aufgrund unseres eigenen Ideals. Das Die-Wahrheit-Sagen hat keinen Wert in sich selbst. Wir Christen machen all diese Dinge, weil wir tief da unten, unsichtbar und in unserem innersten Kern, Jesus Christus haben. Und das verändert mit der Zeit die oberen Schichten, bis hin zum Alltag.

Hat Jesus dich? Warum tust du die Dinge, die du tust?

Auf all diese Dinge bin ich nicht alleine gekommen (wie bei den meisten meiner Sachen). Vielen Dank an John Piper, der das Zwiebelmodell in einer Predigt erwähnte, irgendwann zwischen 1970 und 1980!

Hier die versprochene Audio-Fassung dieses Beitrags:
Heiko Sowadzki – Das Zwiebelmodell(128kbps mp3)

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3 Kommentare

Was ist das Ziel hinter deinem Ziel? | Hanniel bloggt. 25. April 2013 - 08:43

[…] “Ja klar, aber dann nochmal an dieser Stelle, warum willst du genügend Geld machen?” Hier geht es zu einem guten Beitrag über Gesprächsführung auf Josiablog. Posted in: Standpunkt […]

antworten
Elly 3. September 2013 - 23:17

Toller Artikel und so eindrücklich praktisch und lebensnah – genau das richtige für junge Leute!! Danke dafür 🙂

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Verena 17. Dezember 2015 - 22:27

Sehr guter Artikel 🙂
Super Schilderung

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