1700-jähriges Jubiläum

von Lukas Strauß
0 Kommentar

Was haben die Jahreszahlen 1517, 1789 und 1989 gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Für alle Geschichtsnerds sind diese Daten aber durchaus von Bedeutung, weil sie alle an monumentale Ereignisse in der Geschichte der letzten 500 Jahre erinnern. All diese Daten haben Einfluss auf unser Leben. Das erste Datum aus meiner Liste ist wahrscheinlich das bekannteste – besonders unter evangelischen Christen. Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther die 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg und die Reformation nahm von da an ihren Lauf. Das Ergebnis ist allgemein bekannt und die Auswirkungen dieser Bewegung für unser heutiges Leben sind unübersehbar und ein Leben ohne Reformation für viele nur schwer vorstellbar.

Fast ebenso bekannt ist die Französische Revolution, die 1789 unser Denken über Politik und Gesellschaft nachhaltig veränderte. Mit diesem Ereignis beginnt eine neue Epoche, in der auch wir leben.

Das 1989 ging vor allem in unsere deutsche Geschichte ein. Nachdem Deutschland für einige Jahrzehnte gespalten war, ist die Mauer, die Ost und West voneinander trennte seit 1989 Geschichte.

Ein Unterschied zu heute?

Diese besonderen Daten erinnern uns immer wieder an monumentale Ereignisse der Geschichte, aber gleichzeitig wird uns an ihnen auch deutlich, dass es sich lohnt, an vergangene Zeiten zu denken und, dankbar für die Geschehnisse zu sein, die unser Leben geprägt haben. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass diese Ereignisse kein Zufall waren, sondern Gottes Führung unterlagen. Gott hat jedes einzelne dieser Ereignisse in seiner Allmacht und Souveränität geführt. Wenn wir an die oben genannten Ereignisse denken, dann ermutigt uns das auch, an weitere Momente der Geschichte zu denken, die für uns von zentraler Bedeutung sind. Ein solches Ereignis jährt sich dieses Jahr zum 1700.Mal.

Auch wenn sich die Welt vor 1700 Jahren sehr stark von unserer heutigen Lebensrealität unterscheidet, hat sich die Bedeutung des Ereignisses, über das wir nachdenken wollen, nicht verändert. Damals wie heute handelt es sich beim Konzil von Nicäa um einen der wichtigsten Momente der Kirchengeschichte.

Was ist eigentlich ein Konzil?

Konzile sind uns heutzutage sehr fremd, nicht nur weil es in den letzten Jahrzehnten nur wenige Konzilien gab, sondern auch, weil unsere protestantische Tradition keine Konzile durchführt, und stattdessen das theologische Denken mehr auf die einzelne Gemeinde (oder einen Gemeindebund) konzentriert. Konzile sind nämlich Zusammentreffen von Theologen, um entweder eine (komplizierte) Lehrfrage zu klären oder die Ausrichtung der Kirche zu bestimmen. Meist werden die Ergebnisse des Konzils dann in einem Bekenntnis oder Konzilsbeschluss festgehalten und sind im Folgenden für die Lehre der Kirche bindend.

Der Anlass

Warum haben sich im Jahr 325 Menschen in Nicäa getroffen und ein Konzil abgehalten?

Die einfache Antwort: Um die Frage nach der Gottheit Jesu zu klären.

Die kompliziertere Antwort: In den Jahren vor dem Konzil kamen zahlreiche Fragen und Irrlehren rund um die Gottheit Jesu auf. Einige behaupteten, dass der Vater und der Sohn zwei Erscheinungen des einen Gottes sind, andere haben die Gottheit Jesu geleugnet, wieder andere haben die Unterordnung des Sohnes unter den Vater gelehrt. Auch wenn einige dieser Lehren recht harmlos klingen, sind sie eine dramatische Abweichung von der biblischen Lehre, die drastische Konsequenzen mit sich bringen. Wegen dieser Irrlehren, die sich in die Kirche eingeschlichen hatten, wurde das Konzil einberufen, bei dem Vertreter aus allen Teilen des Römischen Reiches teilnahmen und bei dem dieses Thema diskutiert werden sollte.

Das Ergebnis

Das Ergebnis von Nicäa war die Lehre, dass Jesuswirklich Mensch und Gott ist. Jesus ist also wesensgleich mit dem Vater, er ist also genauso Gott, wie auch der Vater Gott ist.

Festgehalten wurde diese Lehre im Nicänischen Glaubensbekenntnis. Auch wenn wir dieses Glaubensbekenntnis heute kaum kennen, sollten wir uns kurz damit beschäftigen, was es uns zu sagen hat.

Der wichtigste Teil über Jesus lautet wie folgt:

„[Wir glauben] an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit:

Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“

Diese Sätze sind die Grundlagen der biblischen Lehre über Jesus. Uns wird deutlich gezeigt, dass Jesus wahrer Gott und kein bloßes Geschöpf ist. Damit werden alle Lehren abgewiesen, die behaupten, dass der Vater Jesus nur adoptiert hat, oder dass er nur eine andere Erscheinungsform des Vaters ist.

Das Bekenntnis betont aber auch, dass Jesus Mensch ist. Jesus ist wirklich Mensch geworden, er hat sich erniedrigt und ist auf diese Erde gekommen, um uns zu retten. Dass er Gott ist, steht dem nicht entgegen.

Die Auswirkungen

Abgesehen vom Verurteilen der Irrlehren der damaligen Zeit hatte das Glaubensbekenntnis von Nicäa weitreichende Folgen. Auch wenn uns dieses Bekenntnis heutzutage nur wenig bekannt ist, ist es eines der Bekenntnisse, die unser Verständnis von Christus und unsere Theologie im Allgemeinen stark beeinflusst haben. Alle großen Kirchen dieser Welt (die Römisch-Katholische Kirche, die Orthodoxen Kirchen und die protestantischen Kirchen) stimmen diesem Bekenntnis zu, weshalb das Bekenntnis die Christenheit im weitesten Sinne eint. Auch wenn die Aussagen im Bekenntnis recht kurz sind, legen sie die Grundlage für die Lehre der Kirche über die beiden Naturen Jesu – bis heute! In weiteren Bekenntnissen wird dieses Thema ausführlicher behandelt und genauer erläutert, jedoch niemals, ohne von den in Nicäa gelegten Grundlagen abzuweichen.

Nicäa und Du

Wenn du dich jetzt fragst, was das alles mit dir zu tun hat, dann sind hier ein paar Gründe, warum Nicäa wichtig für dich ist:

1. Du stehst in der Tradition von Nicäa

Für uns sind Traditionen oft altmodisch oder langweilig, besonders dann, wenn wir sie falsch verstehen. In einer Tradition zu stehen, bedeutet in keinem Fall alte Worte zu wiederholen oder Bräuche zu praktizieren, von denen man nicht einmal weiß, woher sie kommen. In einer Tradition zu stehen, bedeutet von früher zu lernen. Nicäa ist also kein altes Bekenntnis ohne Bedeutung, sondern ein altes Bekenntnis, von dem wir auch 1700 Jahre später viel lernen können. Die theologischen Wahrheiten von damals sind heute nicht weniger wahr!

2. Die Wahrheiten von Nicäa gelten auch heute – für dich

Der Grund, warum wir viel von Nicäa lernen können, ist sehr einfach: Was Nicäa sagt, stimmt auch heute noch. Wahrheit verändert sich nicht, aber unsere blinden Flecken für die Wahrheit ändern sich leicht. Nicäa macht auch heute auf falsche Lehren aufmerksam, die wir erkennen und vermeiden müssen und zeigt uns die wahre Gestalt Jesus: Jesus hat sich nicht verändert, er ist gleichzeitig Mensch UND Gott– gestern, heute und in Ewigkeit (Hebräer 13,8). Nicäa erinnert uns an diese Wahrheit, die wir niemals vergessen dürfen!

3. Ohne Nicäa vielleicht kein Josia?

Die Auswirkungen von Nicäa waren groß. Viele gefährliche Irrlehren wurden verurteilt, wodurch die reine Lehre der Bibel bewahrt wurde. „Was-wäre-wenn“-Szenarien sind immer spekulativ, aber wenn wir Nicäa keine Klarstellung der Lehre über Christus bekommen hätten, dann hätte sich die Kirchengeschichte wohl völlig anders entwickelt. Irrlehren wären vermutlich immer populärer geworden und die Kämpfer für die Wahrheit hätten es noch schwerer gehabt. Wir als Kirche des 21. Jahrhunderts sollten voll Dankbarkeit auf unser geistliches Erbe blicken, das von mutigen Männern 325 n.Chr. in Nicäa verteidigt wurde. Damit haben sie nicht zuletzt auch uns den Weg bereitet.

Wir sehen folglich, dass sich das Beschäftigen mit Nicäa lohnt. In unserer Zeit sind wir oft kritisch, was den Blick auf die Vergangenheit angeht. Wir fragen uns, warum wir uns überhaupt damit beschäftigen sollten und glauben, losgelöst von der Vergangenheit leben zu können. Die Auswirkungen dieses Bekenntnisses zeigen uns aber, dass die Vergangenheit sehr wohl wichtig ist. Ohne die Vergangenheit können wir die Gegenwart nicht verstehen. Die Weisheiten der Vergangenheit sind auch heute noch gültig und bereichern unsere Theologie. Vielmehr bewahren sie uns auch vor falschen Lehren, weshalb die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht nur wichtig, sondern auch notwendig ist.

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Cookies. Wenn Du die Seite weiter benutzt, gehen wir von Deinem Einverständnis aus. OK