Der Mensch als Krone der Schöpfung?

von JOSIA-Redaktion
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Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, eine Bezeichnung, die er sich selbst gegeben hat. In dieser Bezeichnung schwingt einiges an Stolz mit. Wir meinen, allen anderen Lebewesen überlegen und der unangefochtene Mittelpunkt des Weltgeschehens zu sein, um den sich alles dreht. Nicht selten wird diese Bezeichnung mit dem Schöpfungsnarrativ der Bibel begründet. Aber wie viel ist an dieser Aussage wirklich dran? Stützt die Bibel die Bezeichnung des Menschen als Krone der Schöpfung? Wie schaut Gott auf sein letztes Geschöpf?

Der Mensch als Ebenbild Gottes

Gott schuf eine friedliche und ausgeglichene Welt.

Die Bibel beschreibt auf ihren ersten Seiten die Entstehungsgeschichte der Erde mit all ihrer Flora und Fauna. Am sechsten Tag der Schöpfungswoche schuf Gott den Menschen und schenkte ihm eine Besonderheit, die ihn vom Rest der Schöpfung abhebt. Gott spricht: „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich“ (1. Mose 1,26–28). Das bedeutet, dass der Mensch dazu geschaffen ist, Gott ähnlich zu sein. Auch er soll aus Liebe gerecht und weise handeln. Gott hat uns als sein Ebenbild, sein Gegenüber geschaffen, deshalb ist es überhaupt erst möglich, Beziehung mit ihm zu leben.

Gott setzte den Menschen ganz bewusst in einen Garten, den Garten Eden, Gott hätte dem Menschen auch einen goldenen, prunkvollen Palast bauen können, aber er entschied sich dazu, den Menschen in die Gemeinschaft mit Tieren und Pflanzen zu setzen. Dort fand er Nahrung und Schutz.

Der Mensch als Bewahrer und Herrscher der Schöpfung

Gott gab dem Menschen die Aufgabe, sich die Erde untertan zu machen und über sie zu herrschen (1. Mose 1,26–28). Der Mensch ist das einzige Wesen in Gottes Schöpfung, welches in der Lage ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Mit dieser Fähigkeit kommt aber auch Verantwortung. Ganz nach dem Motto „with great power comes great responsibility“.

Gott fordert den Menschen dazu auf, seine intellektuelle und körperliche Kraft dazu einzusetzen, um ein guter Herrscher über die Natur zu sein. Was hat Gott damit gemeint? Ist es ein Freibrief dafür, die Natur nach eigenem Bedürfnis und Vorteil auszunutzen? Gott ist der ultimative Herrscher über alle Dinge. Er herrscht mit Weisheit, achtet auf die Bedürfnisse seiner Geschöpfe, versorgt sie und weist sie liebevoll in ihre Grenzen.

An seinem Beispiel können wir lernen, was es bedeutet, ein guter Herrscher zu sein, ohne Egoismus und Ausbeutung, sondern mit ganz viel Liebe und Sanftmut. Das ist umso wichtiger, da nur der Mensch unter den Geschöpfen in der Lage wäre, die gesamte Natur zu zerstören. Gott setzt den Menschen als seinen „Stellvertreter“ auf Erden ein, der in seinem Ebenbild geschaffen ist. Das bedeutet, dass Gott uns Verantwortung dafür überträgt, für seine Schöpfung zu sorgen. Wir sind Gott und der Natur gegenüber verpflichtet, behutsam mit ihr umzugehen.

In dieser Rolle können wir lernen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn wir in einer Gruppe von Menschen arbeiten und Positionen der Leitung innehaben, ist es wichtig, Rücksicht auf die zu nehmen, welche uns unterstellt sind. Gott hat uns mit dem Herrscheramt gekrönt, nicht weil wir dies verdient hätten, sondern weil er uns damit Bestimmung und die Möglichkeit schenkt, seine Charakterzüge und Handlungsweisen zu spiegeln.

Der Mensch als Teil einer gefallenen Welt

Gott war zufrieden mit seinem Werk. Nachdem er den Menschen schuf, bewertete er seine Schöpfung als „sehr gut“ (1. Mose 1,31). Und das war sie wahrhaftig! Es herrschte Frieden und Einklang zwischen den Geschöpfen, von Unfrieden und Egoismus keine Spur. Der krönende Abschluss der Schöpfung lebte in Gottes Gegenwart und in dem Rahmen, den Gott für ihn vorgesehen hatte. Das Übel ließ jedoch nicht lange auf sich warten.

Als die Schlange Misstrauen im Menschen gegenüber Gottes guten Absichten schürte, fiel dies im menschlichen Herzen auf fruchtbaren Boden. Die perfekte, ausgeglichene, friedliche Ordnung geriet aus dem Gleichgewicht und wurde zerstört. Auf der Suche nach vermeintlicher Unabhängigkeit und Autonomie wandte der Mensch sich von Gott ab. Der Friede war Geschichte, und an seine Stelle traten Unfrieden und ich-zentriertes Denken. Die Tiere begannen, sich gegenseitig zu jagen und zu fressen. Die Menschen begannen, einander zu misstrauen und zu beneiden. Ein schockierendes Opfer dieser Entwicklung war Abel, der Sohn Adams, welcher von seinem Bruder erschlagen wurde.

Gott führte dem Menschen die Konsequenzen seiner Entscheidung vor Augen. Er setzte Feindschaft zwischen der Schlange und Eva und zwischen dem Feld und Adam. Doch am dramatischsten ist die Trennung zwischen Gott und Mensch, welche der Sündenfall zur Folge hatte. Die Ebenbildlichkeit des Menschen erhielt einen Riss. Als der Mensch aus dem Garten trat, trat er auch aus Gottes Nähe heraus. Die Abwendung des Menschen von Gott zeigt sich nicht nur in emotionaler Distanz, sondern auch in räumlicher. Der Mensch lebte nun in der Gottesferne.

Die gesamte Schöpfung war ab jetzt erlösungsbedürftig, und der Mensch ist Teil dieser gefallenen Schöpfung. Er wurde zwar als Abschluss des Schöpfungswerkes in Gottes Ebenbild geschaffen, hat jedoch keinen Anlass, sich zu rühmen. Er ist sündig und bedarf der Erlösung Gottes. Die Krone ist zerbrochen.

Der Mensch als abhängiges Geschöpf

Dies ist umso wichtiger, weil der Mensch ein zutiefst abhängiges Wesen ist. Diese Realität entspricht zwar nicht unserem Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit, ist jedoch die reine Wahrheit. Die Ablehnung dieser Abhängigkeit legte das Fundament für die erste Sünde. Der Mensch gestand Gott nicht die angemessene Autorität in seinem Leben zu und wollte selbst die Kontrolle erlangen. So kam es zur Tragödie des Sündenfalls. Bereits die nächsten Kapitel der Bibel zeigen uns, wie sehr der Mensch darunter leidet, nicht in Beziehung mit Gott zu leben.

Jeremia nutzt einmal das Bild des Töpfers und des Tons (Jeremia 18), um seinem Leser offenbar zu machen, dass Gott als sein Schöpfer am besten weiß, was gut für ihn ist. Der Töpfer hat volle Kontrolle über den Ton, was in diesem Beispiel auch völlig logisch erscheint. Obwohl uns der Gedanke vielleicht nicht gefällt, fordert uns die Bibel dazu auf, anzuerkennen, dass der allwissende, allmächtige, allgegenwärtige Gott uns irdischen, begrenzten Menschen weit überlegen ist. Wir sind von seiner Liebe, seiner Weisheit und Kraft abhängig, welche er uns aus Barmherzigkeit heraus schenkt.

Die Abhängigkeit wird zu etwas Wunderbarem, wenn du erkennst, dass du von einem liebenden Gott abhängig bist. Er wendet sich dir zu, obwohl du dich von ihm abgewendet hast. Er lädt dich dazu ein, mit ihm durch das Leben zu gehen.

Leben in gegenseitiger Abhängigkeit

Der Mensch ist jedoch nicht nur von Gott abhängig, sondern auch von der Natur, welche ihn umgibt. Wenn wir falsch herrschen, durch unbehutsames, egoistisches Ausbeuten der Natur, hat dies auch für uns schwerwiegende Folgen. Missernten, Umweltkatastrophen und zerstörte Landschaften führen uns unsere Fehlentscheidungen vor Augen. Wenn wir jedoch gute Herrscher sind und auf die Natur um uns herum Acht geben, profitieren wir davon. Im Gleichgewicht schenkt sie uns Nahrung, Schutz und lässt uns an ihrer Schönheit Anteil haben.

Und zu guter Letzt sind auch wir Menschen voneinander abhängig. Besonders in der Gemeinde wird uns dies offenbar. Wir können nur in der Gemeinschaft miteinander wachsen, wenn wir andere an unseren Gaben teilhaben lassen und von den Gaben der anderen profitieren. In einem Sinfonieorchester braucht es auch viele verschiedene Instrumente, um die Symphonien in ihrer vollen Klangvielfalt spielen zu können. Gott hat bewusst Gaben in jeden Einzelnen gelegt, um uns zu zeigen, dass wir einander brauchen. Nur mit Demut und ohne falsche Selbstüberschätzung ist menschliches Zusammenleben möglich. Wie auch eine Krone aus mehreren Zacken besteht, so sind auch wir Menschen in Gemeinschaft gestellt.

Der Mensch als Krone der Schöpfung

Nun haben wir die Rolle des Menschen innerhalb der Schöpfung von verschiedenen Seiten beleuchtet. Hält die Formulierung „Krone der Schöpfung“ noch unserer Bewertung stand?

Ich meine, dass in dieser Bezeichnung manchmal ein falscher Hochmut mitschwingt: Wir wären besser als der Rest der Schöpfung, und der Grund, uns zu rühmen, läge in uns selbst. Diese Ansicht wird von der Bibel relativiert. Der Mensch erhält seine Sonderstellung dadurch, dass Gott sich dazu entscheidet, den Menschen in seinem Ebenbild zu erschaffen. In seiner unermesslichen Gnade wendet er sich uns zu und entscheidet sich dafür, in einer Beziehung mit uns zu leben. Mit dieser Sonderstellung gehen jedoch auch Pflichten einher.

Die „Beherrschung“ der Erde soll nicht mit Stolz und Hochmut erfolgen, sondern mit Liebe. Dies tun wir, weil wir uns unserer eigenen Abhängigkeit zu Gott und zu seiner Schöpfung überaus bewusst sind. Der „krönende“ Abschluss der Schöpfung ist aus Erde geformt worden, nicht aus Gold und Edelsteinen. Der Schöpfungsbericht führt uns in die Demut, aber auch in die Erkenntnis, dass Gott uns zu seiner Nachfolge erwählt hat. Wir können somit weiterhin von dem Menschen als „der Krone der Schöpfung“ sprechen, müssen uns aber bewusst sein, dass es eine Krone aus Erde ist, geformt von den Händen eines allmächtigen Schöpfers.

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