Jonathan, der tragische Kronprinz (Teil 2)

von Jochen Klautke
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Jonathan, der tragische Kronprinz (Teil 2)

Ein tragisches Leben – wie reagiert man darauf?

Im ersten Teil über Jonathan, den tragischen Kronprinz habe ich einen kurzen Überblick über Jonathans Leben gegeben und die Frage gestellt warum Gott Menschen wie Jonathan manchmal ganz nach unten schickt. Heute wollen wir zurück an den Anfang gehen und uns die ersten Erzählungen von Jonathan in 1. Samuel 13 und 14 genauer anschauen. Während wir im ersten Teil die Frage nach dem Grund für Leiden geklärt haben, steht heute die Frage im Mittelpunkt, wie man auf Leiden reagieren soll. Auch dieser Artikel geht zurück auf den ersten Teil einer Artikelserie in der Zeitschrift Bekennende Kirche (erschienen im September
2012).

Der Anfang Jonathans
Im ersten Teil über Jonathan den tragischen Kronprinzen, sind wir mitten in die Geschichte von Jonathan „hineingesprungen“. Aber wo stammte Jonathan eigentlich her und wie ist er aufgewachsen?

Interessanterweise berichtet uns die Bibel nichts über Jonathans Geburt oder Kindheit. Als Sohn von Saul und seiner Frau Achinoam hatte er fünf Geschwister, drei jüngere Brüder und zwei Schwestern, von denen die eine, Michal, später eine von König Davids Frauen wurde.

Das erste Mal begegnet uns Jonathan, als er schon ein junger Mann ist (1. Samuel 13). Dort heißt es gleich am Anfang, dass Saul sich nach einigen anfänglichen Siegen über Nachbarvölker dem größten Feind des Volkes Israel zuwandte, nämlich dem Seefahrervolk der Philister. Eigentlich war das Volk der Philister viel kleiner als das Volk Gottes, aber technisch waren sie viel weiter fortgeschritten. Sie konnten zum Beispiel bereits Eisen verarbeiten, während die Israeliten immer noch mit Bronze arbeiteten, was für Waffen eher ungeeignet war. Um dieses kleine aber mächtige Volk aus Kanaan zu vertreiben, versammelte König Saul also nun ein Heer von 3000 Leuten, von denen er ein Drittel seinem Sohn Jonathan unterstellte (1. Samuel 13,2).

Leichtsinn oder Mut?
Nur ganz knapp berichtet uns der Erzähler von Jonathans Beitrag zu diesem Feldzug. Denn während Saul abwartete, erschlug Jonathan den Vorposten der Philister bei der Stadt Geba (1. Samuel 13,3). So ein Vorposten war wie eine Burg oder ein Lager der Philister mitten in dem Land, das eigentlich Saul und den Israeliten gehörte.

Aus taktischer Sicht würden vielleicht viele Menschen sagen, dass das von Jonathan dumm war. Es wäre doch nicht nötig gewesen die Philister so zu ärgern. Es kam dann ja auch wie es kommen musste. Die zuvor ruhigen Philister versammelten sich mit einem riesigen Heer, um Rache zu nehmen (1. Samuel 13,5). Was war also der Sinn von Jonathans Aktion?

Um das zu verstehen, müssen wir erst mal die Frage beantworten, was das eigentliche Problem an den Philistern war. Es war nicht einfach so, dass sich damals zwei Völker nicht mochten und deshalb Krieg gegeneinander führten. Sondern dieser Krieg stand für viel mehr.

[pullquote right]Das Volk Israel war kein Volk wie jedes andere, sondern es war Gottes Volk.[/pullquote]

Gott wollte, dass sein Volk heilig lebt, das heißt getrennt von allen gottlosen Völkern drum herum. Auch wenn Jonathans Aktion auf den ersten Blick sehr leichtsinnig aussieht, zeigt sie uns doch, dass Jonathan das verstanden hatte. Er wusste, dass man nicht tatenlos zugucken kann,  wie sich Gottes Feinde in Gottes Land breit machen.

Und wie ist das heute? Natürlich sollen wir heute nicht mehr mit Schwertern gegen andere Leute kämpfen. Paulus sagt ganz klar, dass sich im Neuen Bund, also seit dem Tag als Jesus am Kreuz gestorben ist, etwas geändert hat. Seitdem gilt das, was Paulus einmal der Gemeinde in Ephesus schreibt: „Unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern…“ und dann folgt eine ganze Reihe von unsichtbaren bösen Mächten, die uns Menschen von Gott wegziehen wollen (Epheser 6,12). Für diesen Kampf gibt Paulus uns sogar eine Waffenrüstung mit auf den Weg (Epheser 6,13-18). Die Art und Weise des Kampfes hat sich geändert, aber kämpfen sollen wir als Christen immer noch! Nur eben nicht gegen Philister, sondern gegen das Böse – vor allem auch gegen unsere eigene Sünde.

Zurück zu Jonathan: Trotz seiner mutigen Aktion verschwindet Jonathan direkt nach Vers 3 wieder aus der Geschichte. Aber zu diesem Zeitpunkt ist er ganz oben angelangt. Als ältester Sohn und Kronprinz bekommt er seinen ersten Auftrag und den löst er mit Mut und Stärke. Um die Zukunft des Königtums in Israel musste sich so keiner Sorgen machen, wenn der jetzige König so einen Sohn hat.

Von ganz oben nach ganz unten
Was dann folgt ist der tiefe Fall Jonathans, ohne dass er überhaupt erwähnt wird. Sein Vater Saul sah das riesige Heer der Philister, das ausgezogen war, um Jonathans Aktion zu rächen. Er und seine Armee bekommen Angst und warten auf Samuel, damit dieser opfert, aber der lässt tagelang auf sich warten. Irgendwann ist bei Saul die Angst so groß, dass er eigenhändig ein Opfer darbrachte (1. Samuel 13,6-9). Es ist schwer zu sagen, was schlimmer war – die Tatsache, dass Saul einfach Dinge tat, die ihm nicht zustanden und Gott so die Ehre geben wollte, wie er das für richtig hielt – oder sein nicht vorhandenes Gottvertrauen. Das Gericht Gottes, das Samuel verkündigt ist auf jeden Fall niederschmetternd:

Der Prophet Samuel aber sprach zu Saul:

„Du hast töricht gehandelt und nicht gehalten das Gebot des Herrn, deines Gottes, das er dir geboten hat. Er hätte dein Königtum bestätigt über Israel für und für. Aber nun wird dein Königtum nicht bestehen.“

(1.  Samuel 13,13-14a).

Was wie eine knüppelharte Nachricht für Saul klingt ist eigentlich noch viel schlimmer für Jonathan. Denn hier ist nicht die Rede davon, dass Saul zu Lebzeiten sein Königtum verlieren wird, sondern (nur) davon, dass er keine Dynastie aufrichten wird, also dass seine Nachkommen keine Könige werden. Gerade noch war Jonathan der Held gewesen – jetzt waren alle  Zukunftshoffnungen für Jonathan zerstört und er konnte noch nicht einmal etwas dafür. Die Karriere ruiniert durch das Fehlverhalten des eigenen Vaters – wie soll man da reagieren?

Jonathan kommt aber weiter erst einmal gar nicht vor. Stattdessen fährt der Erzähler fort, uns einen Bericht über die Ausgangssituation beider Truppen zu geben. Die Philister rückten mit mehreren tausend Reitern, Streitwagen und Soldaten weiter in das Land vor, diesmal bis nach Michmas. Das Heer des Volkes Gottes bestand zu diesem Zeitpunkt gerade einmal noch aus 600 Soldaten, die dazu noch völlig mangelhaft bewaffnet waren. Zu dieser Zeit gab es genau lächerliche zwei Männer mit Waffen in Israel: Saul und Jonathan. (1. Samuel 13,15-23).

Die biblische Reaktion auf Leid – Mut und Gottesfurcht
Zurück zu der eben gestellten Frage: Wie soll Jonathan auf diese persönliche Niederlage und die Bedrohung durch die Philister reagieren? Im Grunde gibt es zwei Arten, wie wir als Menschen typischerweise auf solche Situationen reagieren. Der eine Weg besteht darin, einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Man ist wie gelähmt, völlig antriebslos und würde am liebsten sagen: „Das hat ja alles sowieso keinen Sinn mehr!“ Der andere Weg ist der „Jetzt-erst-recht“-Weg. Man möchte das Unglück unbedingt beiseite räumen und fängt an sich mit ganzer Kraft in irgendwelche Dinge hineinzustürzen, um nur irgendwie die Situation zu ändern. Dabei merkt man meistens gar nicht, wie man alles nur noch schlimmer macht.

Oftmals finden sich sogar beide Reaktionen. Das beste Beispiel dafür ist Saul. Nach seiner endgültigen Verwerfung durch Gott (1. Samuel 15,23), wurde er einerseits gelähmt in seinem Denken und Handeln, andererseits agierte er völlig übertrieben, als er z.B. mit seinem Heer David verfolgte, anstatt die Feinde zu bekämpfen, oder als er am Abend vor seinem Tod ein okkultes Medium besuchte. Was er hingegen nie tat, ist den dritten Weg zu gehen, den Weg den Gott für uns im Leid vorgesehen hat – und wie der aussieht sehen wir, wenn wir uns weiter die Geschichte von Jonathan angucken (1. Samuel 14).

Hatte er in Kapitel 13 den Vorposten noch mit 1000 Männern geschlagen, griff er diesmal nur in Begleitung seines Waffenträgers an. Seine Taktik war dabei natürlich in erster Linie auf den Überraschungseffekt zu setzen, aber dennoch braucht man einiges an Mut, um so eine Aktion durchzuziehen – gerade nachdem sich die Ausgangslage seit dem letzten Mal so deutlich verschlechtert hatte (1. Samuel 14,1-6).

Aber es war nicht nur der Mut, den Jonathan hier zeigte – es war auch und vor allem das Gottvertrauen, das ihn auszeichnet. „Vielleicht wird der Herr durch uns wirken, denn es ist dem Herrn nicht schwer, durch viele oder durch wenige zu helfen!“ (1. Samuel 14,6). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie er die Philister im selben Vers bezeichnet, nämlich als „die Unbeschnittenen“. Er zeigte damit, dass er verstanden hatte, dass die Philister mehr waren als seine persönlichen Feinde. „Unbeschnitten“ heißt im Alten Testament nichts anderes als „Feind Gottes“.

Jonathan machte es also ganz deutlich:

[pullquote right]Ich kämpfe nicht meinen Kampf, sondern Gottes Kampf.[/pullquote]

So konnte er gemeinsam mit seinem Waffenträger den Überraschungseffekt nutzen und direkt zwanzig Philister töten, bis schließlich Gott direkt eingriff. Er schickte einen Schrecken und ein Beben über das ganze Land, so dass die Philister in Panik gerieten (1. Samuel 14,15), und das Volk Israel ein leichtes Spiel mit ihnen hatte – trotz ihrer militärischen Schwäche (1. Samuel 14,20-23). Die Gefahr war fürs Erste abgewendet.

Es ist beeindruckend, wie Jonathan hier zweimal handelte. Wir haben gesehen wie die Bibel uns Jonathan hier vorstellt: Als Vorbild für Gottvertrauen und Mut in einer Situation, in der er eigentlich alles verloren hatte. Aber er steckte weder den Kopf in  den Sand noch rannte er unüberlegt drauf los, sondern er dachte nach, über Gottes Volk, Gottes Feinde und Gottes  Verheißungen – und erst dann handelte er. Auch wenn es leichter zu sagen ist, als später in der Situation danach zu handeln:

Nimm dir Jonathan als Vorbild – gerade wenn die schlechten Nachrichten dir den Boden unter den Füßen wegziehen!

Aber die Menschen im Alten Testament sind für uns viel mehr als „nur“ Vorbilder für gutes Handeln oder Gottvertrauen. Warum das so ist, werden wir beim nächsten Mal sehen, wenn wir die Geschichte des tragischen Kronprinzen weiter verfolgen…

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