Buchrezension: Homosexualität – Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven

von Johannes Traichel
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Buchrezension: Homosexualität – Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven

Passend zur aktuellen Diskussion innerhalb der Evangelischen Allianz in Deutschland (siehe weiter unten „Hintergrund: Die Evangelikalen und die Homosexualität“) ist vor kurzem beim Brunnenverlag das Buch „Homosexualität – Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven“ erschienen. Es wurde zuerst in Großbritannien veröffentlicht, der Herausgeber dort war die hiesige Evangelische Allianz. In Deutschland wurde das Buch unter der Fachberatung von Prof. Dr. Raedel (FTH Gießen und AfeT-Vorsitzender) herausgegeben.

Überblick über das Buch

Ich möchte das Buch in drei Teile gliedern:

Zuerst (Kap 1) geht es um grundsätzliche Fragen der Homosexualität und der Sündhaftigkeit aller Menschen. Begriffe werden geklärt und die Autoren gehen auf den aktuellen Stand der Forschung ein.

Im zweiten Teil (Kap 2) wird die biblische Sexualethik ausgeführt. Fragen wie „Wo soll nach Gottes Willen zwischen wem Sexualität stattfinden?“ werden beantwortet und die Grenzen einer biblischen Sexualität aufgezeigt. Kurz, aber mit exegetischem Scharfsinn, analysieren die Autoren die biblischen Aussagen.

Der dritte Teil 8 (Kap 3-5) macht die Hälfte des Buches aus. Hier wird auf die Frage eingegangen, was die biblischen Aussagen für unsere Praxis in den Gemeinden bedeuten. Seelsorgerlich wird die ganze Thematik der Homosexualität aufgearbeitet. Es wird der Unterschied zwischen homosexuellen Empfindungen und der homosexuellen Handlung aufgezeigt. Anhand von mehreren Praxisbeispielen wird dargelegt, wie homosexuell empfindenden Menschen, welche ihre Neigungen nicht ausleben wollen, geholfen werden kann. Zusätzlich wird aufgezeigt, wie die Gemeinde mit homosexuell lebenden Mitgliedern seelsorgerlich und biblisch korrekt umgehen sollte, sodass die biblischen Maßstäbe gelebt werden. In ihren Schlussfolgerungen kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass evangelikale Gemeinden alle willkommen heißen sollten, welche gleichgeschlechtliche Anziehungen erfahren, auch diejenigen die diese ausleben. Allerdings sollten evangelikale Gemeinden jegliche (!) sexuelle Handlungen außerhalb der Ehe von Mann und Frau nicht gutheißen. Der Grundsatz sollte stets der von Jesus sein, welcher die Ehebrecherin nicht verurteilte, sondern dazu aufforderte, nicht mehr zu sündigen (Joh 8,11).

Bewertung

Dieses Buch ist nicht nur aufgrund der aktuellen Diskussion notwendig. Es schließt eine sehr wichtige Lücke. Zu lange wurde diese Diskussion hochemotional geführt. Auf der einen Seite wurde nur auf die Wahrheit gepocht, aber die Menschen gerieten dabei allzu oft unter die Räder und auf der anderen Seite wurde im Namen der Liebe auf die Wahrheit keinen großen Wert gelegt.

Dieses Buch schafft es, beiden Seiten gerecht zu werden. Es bleibt der Bibel treu. Die Autoren suchen Wege einer biblischen Begleitung von Homosexuellen in die Freiheit. Die Herausforderungen in den Fällen, in denen die Orientierung nicht verändert wird (oder werden kann), wird nicht verschwiegen. Die Autoren geben sich nicht der Illusion hin, dass jeder homosexuell Empfindende wie durch ein Wunder eine heterosexuelle Ehe eingeht.

Dieses Buch sei denen empfohlen, welche in der Sexualität mit zwei Maß messen. Denn es wird aufgezeigt, dass heterosexueller Sex vor oder außerhalb der Ehe nicht besser, sondern genauso sündig ist wie homosexueller Geschlechtsverkehr. Das Buch sei allen empfohlen, welche in irgendeiner Weise mit Jugendlichen arbeiten. Es sei denen empfohlen, die vorschnell bei diesem Thema Porzellan zerschlagen und die Menschen vergessen. Es sei denen empfohlen, welche die These vertreten, dass die Liebe Homosexualität nur gutheißen kann. Es sei allen empfohlen, die persönlich von diesem Thema betroffen sind. Es sei Pastoren, Theologen und Professoren ans Herz gelegt. Dieses Buch ist ein gesunder Diskussionsbeitrag, dem ich weite Verbreitung wünsche.

Hintergrund: Die Evangelikalen und die Homosexualität

Die Wochenzeitung Die Welt hat am 14.12.15 ein Interview mit dem Vorsitzenden der Evangelischen Allianz in Deutschland, Michael Diener, veröffentlicht. In dem Interview ging es um Mission, den Pietismus und auch um Homosexualität.

Seine Ansicht zur Homosexualität ist Folgende:

„Ich vermag aus der Heiligen Schrift nicht herauszulesen, dass es einen Auftrag an die Kirche zur Segnung homosexueller Beziehungen und deren Gleichstellung mit der Ehe von Mann und Frau gäbe.“ Das ist eindeutig: Für die in fast allen evangelischen Landeskirchen praktizierten Segnungs- oder Trauungsgottesdienste bei Homosexuellen sieht er keinen Anhaltspunkt in der Bibel. Da sei er „klassisch konservativ“

Welt online

Weiter vertritt er aber auch folgende Ansicht:

Als Pfarrer habe ich gelernt, anzuerkennen, dass Menschen bei dieser Frage die Bibel anders lesen. Diese Brüder und Schwestern sind mir genauso wichtig wie diejenigen, die meine Meinung teilen.“ Und das gelte auch „für Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Homosexualität geistlich für sich geklärt haben und sich von Gott nicht zur Aufgabe dieser Prägung aufgefordert sehen.“

Welt online

Vor kurzem wurde Diener vom Pro-Medienmagazin hierzu noch einmal interviewt. Hierbei äußerte er seine Zustimmung, dass praktizierende Homosexuelle in der Gemeinde mitarbeiten könnten. Er forderte in dieser Frage Pluralität und das Nebeneinander verschiedener Auffassungen zur Homosexualität.

Meine Anfragen

Meine Anfragen hierzu sind Folgende:

  1. Um Homosexualität als auszulebende Form der Sexualität gutzuheißen, brauchen wir ein anderes Schriftverständnis und ein anderes Verständnis von Wahrheit (vgl. Hempelmann hierzu). Wie ist hierzu die Stellungnahme Dieners?
  2. Bekommen wir so nicht eine Ethik der Beliebigkeit? Basierend auf der postmodernen Wahrheitsvorstellung werden so Aussagen der Schrift, welche an Eindeutigkeit nicht zu widerlegen sind, in Zweifel gezogen. Die Bibel gibt keinen Hinweis darauf, dass Homosexualität ausgelebt werden darf. Im Gegenteil. Dies kann man nicht als kulturelle Einzelfallentscheidung abtun. Ansonsten können wir die ganze Bibel relativieren.
  3. Diener vertritt die Ansicht, dass Homosexualität nicht von der Schrift gedeckt ist. Aber er fordert Pluralität in dieser Frage. Ist dies nicht vielmehr die Scheu vor klaren Aussagen? Wenn wir uns als Evangelikale in die Beliebigkeit fallen lassen, verlieren wir wie das Salz seine Kraft. Wir müssen vielmehr die biblische Fahne in allen Bereichen hochhalten. Herr Diener, ich wünsche mir von Ihnen den Mut, auch hier die unbequeme Kante zu zeigen, nicht für mich, sondern aus Liebe zu Gott und seinem Wort!
  4. Diener weist zu Recht darauf hin, dass andere Sünden wie Geiz nicht so verurteilt werden. Hierzu nur der Hinweis, dass die Bibel sexuelle Sünden sehr wohl sehr streng bewertet (vgl. 1Kor 6,12-20).

Der weitere Verlauf

Die Reaktionen auf das Interview und die Aussagen von Diener waren sehr unterschiedlich. Teils war es für mich persönlich nicht überraschend, wer ihm den Rücken stärkte. Tobias Faix, aber auch Alexander Garth gehörten hierzu. Außerdem eine nicht zu geringe Anzahl an Gemeindegliedern und Gemeinden, welche immer mehr in die liberale Linie abgedriftet sind. Des Weiteren gibt es auch an (mir bekannten) Ausbildungsstätten Dozenten/Studienleiter, welche sehr offensiv für die Akzeptanz der praktizierten Homosexualität werben und dennoch das evangelikale Label für sich in Anspruch nehmen wollen.

Kritik – teilweise sehr deutliche Kritik – kam unter anderem von Ulrich Parzany, welcher einen offenen Brief an Michael Diener schrieb und das Netzwerk Bibel und Bekenntnis gründete. Auch der geschäftsführende Vorstand der Evangelischen Allianz distanzierte sich von Dieners Aussagen über Homosexualität. Der Gnadauer Verband, dem Michael Diener vorsteht, gab die Erklärung ab, keine praktizierende Homosexuelle in geistliche Leitungspositionen zu berufen. Allerdings gaben sie in der Erklärung an, dass es unterschiedliche Sichtweisen zu diesem Thema gäbe.

Weitere Überlegungen

Wie kann die Zukunft in der Evangelischen Allianz weitergehen? Brücken zwischen beiden Positionen sind biblisch nicht möglich. Ich persönlich sehe nur die Möglichkeit, dass sich die evangelikale Christenheit reinigen lassen muss. Reinigen von einer falschen Lehre, deren Ursache ein falsches Schriftverständnis ist. Diese Krise ist nicht nur eine Gefahr. Sie ist eine Chance, das dahinterliegende Problem an der Wurzel zu fassen: Das falsche Schriftverständnis und ein pluraler Wahrheitsbegriff.

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